Roland Warner (58) ist seit mehr als 25 Jahren in leitenden Funktionen in der Energiewirtschaft tätig. Seit 2015 ist er Vorsitzender der Geschäftsführung des großen sächsischen Regionalversorgers Eins Energie mit Sitz in Chemnitz. Im ZfK-Interview erklärt er, warum es für ihn oberste Geschäftsführerpflicht ist, immer eine ausreichende Liquidität sicherzustellen, und warum seine Zweifel wachsen, dass die Modalitäten rund um den Dezemberabschlag fristgerecht funktionieren werden.
Herr Warner, im Sommer hatten Sie öffentlich Ihre Sorgen geäußert, dass bei den sich abzeichnenden Preissteigerungen der soziale Friede gefährdet sein könnte und eine Obergrenze in Höhe von maximal dem Doppelten der damaligen Preise gefordert. Wie bewerten Sie die die Entlastungs- und Befriedungswirkung von Dezemberabschlag sowie Strom- und Gaspreiskrise?
Ich hoffe, dass die Bundesregierung jetzt schnell ihre Hausaufgaben macht.
Warner: Ich bin ausgesprochen erleichtert, dass die Bundesregierung einen Gaspreis- und Strompreisdeckel ausgerufen hat. Dieser wird auch massiv dazu beitragen, dass die allermeisten Haushalte die gestiegene Energiepreise bezahlen können.
Was natürlich nicht schön ist, dass wir immer noch nicht wissen, wie die Umsetzungsmodalitäten konkret aussehen werden. Grundsätzlich überwiegt bei mir die Erleichterung und ich will nicht in so eine Massenhysterie oder so eine Art kollektives Meckern einstimmen. Ich hoffe, dass die Bundesregierung jetzt schnell ihre Hausaufgaben macht, damit wir es umsetzen können.
Ist denn der Fahrplan zur Umsetzung der angekündigten Entlastungen in Ihrer Einschätzung realistisch realisierbar?
Mit der 80/20-Regelung bei den Energiebremsen bevormundet die Politik erwachsene Menschen.
Ich habe bereits relativ früh im April dieses Jahres die Einführung einer Energiepreisbremse gefordert. Ich habe gesehen, wie die ersten 24-Monatsverträge bei uns ausgelaufen sind und die Kunden anschließend das Dreifache zahlen mussten. Dabei ist mir sehr schnell klar geworden, dass eine doppelt oder dreifach so hohe Gasrechnung die Menschen überfordert.
Viele der Betroffenen sind dann so verzweifelt, dass sie Energie sparen, wo sie nur können. Das ist der Grund, warum ich diese geplante 80/20-Regelung bei den Energiebremsen kritisch sehe. Da bevormundet die Politik erwachsene Menschen, die eigene Haushalte haben, die Familien ernähren müssen und selber mit ihrem zur Verfügung stehenden Geld klar kommen müssen.
Die Menschen brauchen keinen Herrn Habeck, der ihnen sagt, wie man spart.
Diese Meinung dürften in der Politik und in der Branche aber viele nicht teilen. Für mich ist das ziemlich plausibel, dass man sagt, man subventioniert nur 80 Prozent des Gasverbrauchs, damit ein Anreiz zum Energiesparen erhalten bleibt.
Da muss ich widersprechen. Die betroffenen Haushalte und Betriebe sparen von sich aus. Wir sehen ja die Zahlen aus September und Oktober. Die Menschen sparen mindestens 15 Prozent an Gas und mehr, die Gewerbebetriebe noch mehr. Und wenn wir sagen, wir rechnen den Gastarif mit 0,12 Euro ab und den Stromtarif mit 0,40 Euro, dann brauchen die Leute keinen Herrn Habeck, der ihnen erzählt, wie man spart und wie sie mit der Energie umgehen müssen.
Die 80/20-Regelung macht ja letztlich auch die Umsetzung für die Branche so komplex. Ich habe das auch meinen Geschäftspartnern und vor kurzem dem Sächsischen Ministerpräsidenten gesagt, dass ich die 80/20-Regel für überflüssig halte. Ich habe bei fast allen Zustimmung erfahren. Lassen Sie mich aber noch mal kurz zum Dezemberabschlag kommen.
Wie Sie wissen, ist es für einen Geschäftsführer die größte Straftat nicht liquide zu sein.
Gerne, wie sieht da Ihre Einschätzung aus?
Bei Eins Energie macht der Dezemberabschlag ungefähr 30 Millionen Euro aus. Wir müssen unsere Energieverträge eigentlich immer schon im Voraus bezahlen. Die Liquidität fließt ab und wir kommen dann an Grenzen, wenn wir den Abschlag nicht einziehen. Dann laufen wir Gefahr, unsere Liquidität nicht zu haben.
Wie Sie wissen, ist es für einen Geschäftsführer die größte Straftat, nicht liquide zu sein. Wir tun uns wirklich schwer, Anfang Dezember auf den Abschlag zu verzichten, wenn wir nicht vorher von irgendeiner Bundesbehörde das Geld überwiesen bekommen haben. Stand heute habe ich ernste Zweifel, dass wir rechtzeitig Ende November das Geld vom Bund erhalten werden.
Bis kommenden Mittwoch müssen wir unsere Systeme so einstellen, dass der Abschlag Anfang Dezember ausgesetzt wird.
Bis wann brauchen Sie das Geld vom Bund spätestens?
Wir müssen unsere Systeme eine Woche vor dem 1. Dezember so einstellen, dass der Abschlag ausgesetzt wird. Bis kommenden Mittwoch, 23. November, muss das erfolgt sein und das Geld muss bis zum 1. Dezember ausgezahlt sein. Ich habe ganz große Sorge, dass das funktionieren wird.
Wir haben den Menschen Hoffnung gemacht, dass sie keinen Abschlag im Dezember zahlen müssen. Bleibt die Situation wie sie ist, werden wir den Abschlag im Dezember aber von den Kunden ziehen müssen. Wir sehen keine Alternative dazu, wenn wir nicht Anfang Dezember das Geld vom Staat bekommen.
Wenn wir den Abschlag nicht nehmen, fehlen uns 30 Millionen Euro in der Kasse.
Von anderen Stadtwerken höre ich aber, man habe sich Liquiditätslinien gesichert und könne im Notfall ein paar Wochen überbrücken, wenn es zu Verzögerungen kommt.
Die entscheidende Frage ist ja, wie gehe ich damit um, wenn meine allererste Pflicht ist, die Liquidität des Unternehmens jederzeit sicherzustellen. Wenn ich den Abschlag nicht nehme, fehlen mir 30 Millionen in der Kasse. Und wie kriege ich das dann wieder aufgefüllt?
Die nächste Lohnzahlung an die Mitarbeiter ist Ende Dezember fällig.
Ein vages Versprechen vom Bund, dass es eventuell bis Mitte Dezember kommt, reicht da nicht. Die nächste Lohnzahlung an die Mitarbeiter ist Ende Dezember fällig.
Wir haben auch große Projekte, zum Beispiel die Inbetriebnahme unseres Gasmotoren- Heizkraftwerks. Das ist mit hohen Zahlungen verbunden, weil es ein Projekt ist, das insgesamt 200 Millionen Euro kostet. Die müssen bezahlt werden.
Für uns ist der Dezember immer ein zahlungsintensiver Monat. Natürlich kann ich sagen, wir könnten zwei Wochen überstehen. Aber dann müsste ich die hundertprozentige Garantie haben, dass ich dann wenigstens Mitte Dezember das Geld bekomme.
Wenn man diese Entlastungen ankündigt, muss man sie auch umsetzen können. Sonst geht viel Glaubwürdigkeit verloren.
Die Verunsicherung bei Ihren Kunden würde aber nochmals deutlich zunehmen, wenn Sie den Abschlag ziehen würden?
Nochmal: Ich begrüße die angestrebten Entlastungen der Kund*innen, das muss man machen. Aber wenn man das ankündigt, muss man es auch sauber umsetzen können, sonst geht viel Glaubwürdigkeit verloren. Und das tut uns als kommunalen Versorgern weh. Wir als Stadtwerke verlieren hier auch an Glaubwürdigkeit, obwohl wir gar nichts dafür können. Das ist schon ärgerlich.
(Das Interview führte Hans-Peter Hoeren)



