Stefan Seele (36) ist seit November 2024 Geschäftsführer der Stadtwerke Werl im nordrhein-westfälischen Kreis Soest. Zuvor leitete er den Bereich Innovation und Produktentwicklung bei den Stadtwerken Bielefeld.

Stefan Seele (36) ist seit November 2024 Geschäftsführer der Stadtwerke Werl im nordrhein-westfälischen Kreis Soest. Zuvor leitete er den Bereich Innovation und Produktentwicklung bei den Stadtwerken Bielefeld.

Bild: © Stadtwerke Werl

Vielerorts sind der Gasvertrieb und die Gasnetze noch das Brot- und Buttergeschäft von Stadtwerken. Das wird sich bis 2045 ändern, bis dann will Deutschland annähernd klimaneutral sein. Die Wärmewende und die damit einhergehende Dekarbonisierung stellen die Branche vor eine immense Transformationsherausforderung.

Stilllegungen, Umwidmungen für die Nutzung von Wasserstoff, der Aufbau einer alternativen, grünen Wärmeversorgung, der Ausbau des Wärmevertriebs und die Erschließung alternativer Geschäftsfelder – all das treibt die Branche um. Gleichzeitig gibt es viele offene rechtliche und regulatorische Fragen und Unsicherheiten, auch mit Blick auf die Finanzierung und die Wahl der Abschreibungsmodalitäten. Darüber wollen wir in einer neuen Serie mit Stadtwerke-Verantwortlichen, Fachexperten und Beratern sprechen. 

Haben Sie einen interessanten Input oder drängende offene Fragen? Dann sollten wir ins Gespräch kommen. Die Serie lebt von der Praxisnähe. Wir freuen uns über Ihre Meinung oder Ihre Impulse zum Thema. Schicken Sie entsprechende Vorschläge oder Rückfragen gerne an den ZfK-Redakteur Hans-Peter Hoeren unter h-hoeren(at)zfk(dot)de.

In drei separaten Teilen der Serie stehen die neuen Abschreibungsmodalitäten für Gasversorger auf Grundlage der neuen Richtlinie Kanu 2.0 im Mittelpunkt. Diese Option bildet den zentralen Hebel für die Innenfinanzierungskraft der Netzbetreiber und eröffnet entsprechende Gestaltungsspielräume. Im dritten Teil geht es vor allem darum, wie Energieversorger mit zunehmend unklaren Transformationspfaden in der Gasversorgung umgehen können. Im Rahmen unserer großen Gasnetz-Serie sind bisher bereits fünf Beiträge erschienen, davon drei über die Strategien konkreter kommunaler Unternehmen. 

Ein Gastbeitrag von 
Stefan Seele,
Geschäftsführer
der Stadtwerke Werl

Die Gasnetze in Deutschland stehen vor einer strukturellen Transformation. Die Gasbinnenmarktrichtlinie (EU) 2024/1788 macht den regulatorischen Handlungsdruck deutlich: Sie verpflichtet die Mitgliedstaaten zur schrittweisen Dekarbonisierung ihrer Gasinfrastruktur und schafft erstmals einen europäischen Rahmen für den Rückbau fossiler Netze sowie die Integration erneuerbarer Gase und Wasserstoff. Was bislang fehlt, sind nationale Vorgaben, wie konkret mit Rückbaukosten, Stilllegungen und getätigten Investitionen umzugehen ist.

Mit der Abschreibungs-Richtlinie Kanu 2.0 hat die Bundesnetzagentur im Herbst 2024 nun ein neues Modell vorgeschlagen, das Verteilnetzbetreibern erstmals echte Wahlmöglichkeiten bei der kalkulatorischen Nutzungsdauer und der Abschreibungsmethode von bestehenden und neuen Gasnetzen einräumt. Die Stadtwerke Werl haben die Optionen analysiert und sich für das degressive Abschreibungsmodell entschieden.

Kanu 2.0 gibt uns die Chance, unsere Anlagenwerte im Gasnetz planbarer abzuschreiben ohne Gefahr, Anlagenwerten nicht verdient zu haben. Und das ist dringend erforderlich, denn das bisherige Modell mit linearer Abschreibung bis weit nach 2044 war schlicht zu risikoreich. Für Werl ist damit zu rechnen, dass die flächendeckende Gasversorgung langfristig endet. Deshalb braucht es realistische Abschreibungszeiträume, die Investitionen bis zum Gasausstieg wirtschaftlich tragbar machen.

Refinanzieren, bevor das Volumen schwindet

Ab 1. Januar 2026 schreiben die Stadtwerke Werl ihre Gasnetze erstmals kalkulatorisch degressiv ab, mit vollständiger Abschreibung bis spätestens 2044. Der Entscheidung vorausgegangen war eine detaillierte Analyse der Stadtwerke Werl. Kanu 2.0 ist kein starres Regelwerk, sondern ein flexibles Modell mit individuellen Auswirkungen. Jeder Netzbetreiber sollte prüfen, welche Variante am besten zum eigenen Netz, zur erwarteten Mengenentwicklung, zu den örtlichen Netzentgelten und den Finanzierungsstrukturen passt.

Hier in Werl fiel die Entscheidung für das degressive Modell auch deshalb, weil es langfristig kalkulierbare und faire Netzentgelte über den Zeitraum der Transformation hinweg erlaubt. Zwischen 2026 und 2027 rechnen die Stadtwerke Werl mit einem temporären Anstieg der Netzentgelte um maximal 0,3 Cent pro Kilowattstunde netto durch die Nutzung von Kanu 2.0 gegenüber der Nichtnutzung. Das entspricht bei einem typischen Haushaltsverbrauch von 15.000 Kilowattstunden etwa 54 Euro brutto pro Jahr.

Diese Erhöhung ist überschaubar und fällt lediglich kurzzeitig an. Dafür halten wir die Entgelte langfristig stabiler, auch für die letzten verbliebenen Gaskunden. Ohne Kanu 2.0 würden genau diese Kunden die gesamte Abschreibungslast tragen. Das wäre weder sozial noch wirtschaftlich tragfähig. Für die Analyse unserer Optionen haben wir uns externen Rat von einer  Wirtschaftsberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft geholt.

Weniger Rendite – mehr Sicherheit

Unser Vorgehen beruht auf einer sorgfältigen Abwägung von Wirtschaftlichkeit und Zukunftssicherheit: In den ersten Jahren lassen sich mit der degressiven Abschreibung zwar etwas höhere Umsätze erzielen, insgesamt liegt das Ergebnis jedoch leicht unter dem rechnerisch maximal möglichen Wert. Diesen Kompromiss akzeptieren die Stadtwerke Werl.

Eine höhere Gesamtrendite wäre nur möglich, wenn das Gasnetz auch über einen längeren Zeitraum zuverlässig betrieben werden könnte – doch genau diese Planungssicherheit fehlt mittlerweile. Kanu 2.0 ermöglicht uns, das Risiko offener Restwerte zu senken. Und erhöht die Wahrscheinlichkeit, unsere Investitionen auch wirklich wirtschaftlich abzusichern.

Ein zusätzlicher Vorteil: Die höheren kalkulatorischen und handelsrechtlichen Abschreibungsbeträge in den ersten Jahren nach Anwendung von Kanu 2.0 wirken sich positiv auf den bilanziellen Gewinn und die Innenfinanzierungskraft des Unternehmens aus. Die Stadtwerke Werl wollen diesen Effekt strategisch nutzen, um in die Netzinfrastruktur der Zukunft zu investieren: Die Anforderungen an die Stromnetze wachsen: durch Wärmepumpen, Elektromobilität, Speicher und erneuerbare Energiequellen. Wir brauchen finanzielle Spielräume, um das Stromnetz vorausschauend für die zukünftigen Anforderungen zu stärken.

Abschreiben im Takt der Wärmeplanung: 
Kanu 2.0 erlaubt außerdem eine individuelle Anpassung der kalkulatorischen Nutzungsdauer – etwa im Zusammenspiel mit der kommunalen Wärmeplanung. Netzbetreiber können dort, wo eine Stilllegung absehbar ist, auch kürzere Laufzeiten wie bis 2040 oder sogar 2034 kalkulieren. Damit lässt sich erstmals ein direkter Zusammenhang zwischen strategischer Wärmeplanung und bilanzieller Netzführung herstellen.

Transparenz schafft Vertrauen: Die Entscheidung für das Kanu 2.0-Modell wurde im Aufsichtsrat der Stadtwerke Werl vorgestellt, ausführlich diskutiert und mit breiter Zustimmung verabschiedet. Es war uns wichtig, diesen Weg betriebswirtschaftlich zu verfolgen, darüber hinaus aber auch politisch nachvollziehbar und transparent zu gestalten. Die Transformation der Energienetze betrifft am Ende uns alle und muss deshalb auch von allen mitgetragen werden können.

Diese Teile der Gasnetz-Serie sind bisher erschienen:

Kanu 2.0: Warum eine abwartende Haltung riskant ist

Kanu 2.0 als Baustein für die Finanzierung der Wärmewende

Welche Handlungsspielräume Kanu 2.0 den Stadtwerken eröffnet

Stadtwerke Husum Netz: "Warum das Unbundling in diesem Fall kontraproduktiv ist"

ESM Selb-Marktredwitz: "Für die Gasnetz-Transformation brauchen wir kreative regionale Lösungen"

Gasversorgung Pforzheimer Land: "Unser Fokus im Gasnetz liegt auf aktiver Transformation statt beschleunigtem Rückbau" 

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