Marcus Wittig ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Duisburger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (DVV).

Marcus Wittig ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Duisburger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (DVV).

Bild: © DVV

Die Duisburger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (DVV) ist am vergangenen Wochenende 50 Jahre alt geworden. Der Kommunalkonzern mit seinen mehr als 4200 Mitarbeitern befördert täglich 170.000 Menschen mit Bus und Bahn und beliefert die Bewohner der Großstadt mit Strom, Gas, Wasser und Fernwärme und sorgt für einen sicheren Netzbetrieb.

Herr Wittig, die DVV feiert in diesem Jahr einen runden Geburtstag. Das Jubiläumsjahr ist maßgeblich durch die Coronapandemie geprägt. Wie gut ist der DVV-Konzern bisher durch das Jahr gekommen?

Marcus Wittig: Die Corona-Pandemie hat uns vor enorme Herausforderungen gestellt, aber wir kommen bislang gut durch die Krise. Unsere Mitarbeiter haben sich der Situation großartig angepasst.

Zwar haben auch zuvor schon Kolleginnen und Kollegen tageweise von Zuhause gearbeitet, aber wenn von einem auf den anderen Tag mehr als 80 Prozent der Mitarbeiter dauerhaft mobil arbeiten, ist das eine gewaltige Umstellung. Technisch hat das unsere IT-Abteilung in kürzester Zeit realisiert. Die Kollegen berichten viel Positives von der neuen Art zu arbeiten, die bei uns wirklich gut funktioniert.

Am stärksten leiden ja vielerorts der ÖPNV und der Bäderbereich, wie haben sich die Nutzerzahlen im ÖPNV in Duisburg entwickelt?

In wirtschaftlicher Hinsicht ist ohne Frage der ÖPNV massiv betroffen. Im ersten Lockdown im Frühjahr hatten wir Rückgänge bei den Fahrgastzahlen von 70 Prozent und mehr zu verkraften. Im Einzelticketverkauf sind uns 90 Prozent der Einnahmen weggebrochen. Und das gilt nicht nur für uns, sondern das hören wir auch von anderen ÖPNV-Unternehmen.

Wir sind hier auf nachhaltige, öffentliche Unterstützung angewiesen, um die Einnahmeausfälle zu kompensieren. Wir haben in der Krise – und das tun wir bis heute – die volle Fahrleistung erbracht, alle Fahrzeuge auf die Straßen und Schienen geschickt, um volle Busse und Bahnen soweit das geht zu vermeiden.

Bis heute haben sich die Fahrgastzahlen nicht vollständig erholt und das wird sicher auch noch dauern. Wir haben die Mobilität in der Stadt jederzeit aufrechterhalten, jetzt brauchen wir staatliche Unterstützung, sonst werfen uns die Einnahmeausfälle bei anderen wichtigen Projekten in der Verkehrswende um Jahre zurück.



Wie hat sich der Stromabsatz entwickelt, mit welchen Ergebniseffekten rechnen Sie insgesamt?

Bei den Stadtwerken kommen wir bislang stabil durch die Krise. Beim Energieabsatz stellen wir keine gravierenden Veränderungen fest. Allerdings müssen wir hier mit einer Bewertung noch warten, denn wir kennen die Folgen der Krise heute noch nicht abschließend. Es lässt sich noch nicht seriös abschätzen, wie sich die gesamtwirtschaftliche Situation und damit auch die Situation unserer Kunden weiter entwickeln werden.

Corona hat die Stadtwerkewelt in vielerlei Hinsicht verändert. Stichwort: Digitalisierungsschub, mobiles Arbeiten, höhere Wertschätzung für die Daseinsvorsorge. Wo sehen Sie die größten Auswirkungen für die DVV und was von diesen Änderungen wird dauerhaft bleiben?

Ich muss gestehen, dass ich nicht erwartet hätte, dass eine so dramatische Transformation der Arbeitswelt so reibungslos funktionieren kann. Ich bin wirklich stolz auf unsere Mitarbeiter, die diese besondere Situation so flexibel und verantwortungsbewusst bewältigen.

Ich höre in Gesprächen mit den Kollegen viel Positives über die neue Art des Arbeitens. Ich gehe daher davon aus, dass wir dauerhaft mehr flexible oder mobile Arbeitsmodelle sehen werden, nicht nur bei uns, sondern in allen Unternehmen.

Die Kollegen aus der Personalabteilung sind in ständigem Austausch mit den Kollegen, evaluieren Erfahrungen und diskutieren, wie wir das weiterentwickeln können. Die Corona-Pandemie hat der Digitalisierung der Arbeitswelt zweifellos einen gewaltigen Schub gegeben. Videokonferenzen sind die neue Dienstreise – und ich gehe davon aus, dass auch das in vielen Fällen so bleiben wird.

Energie-, Wärme- und Verkehrswende: Wo liegen operativ und strategisch in den kommenden Jahren die größten Herausforderungen für die DVV?

Zunächst mal ist es eine große Herausforderung, all diese Dinge gleichzeitig bearbeiten und bewältigen zu wollen. Aber wir werden uns dieser Aufgabe stellen und tun das bereits erfolgreich. Denn diese Konstellation bietet uns eben auch große Chancen: Wer diese Aufgaben aus einer Hand bearbeitet, kann Synergien heben.

Die Sektorenkopplung ist dann nicht mehr nur eine wissenschaftliche Perspektive, sondern kann ganz praktisch gedacht werden. Das ist sicher in einem Konzern wie unserem ein Vorteil. Wir arbeiten in zahlreichen Projektgruppen gesellschaftsübergreifend zusammen. Das macht großen Sinn und ich bin davon überzeugt, dass wir auf diese Weise erfolgreich sein werden bei der Bewältigung der Aufgaben, wenn wir die Stärken und die Expertise aus verschiedenen Geschäftsfeldern zusammenführen, um Themen zu bearbeiten.

Reicht das allein aus?

Man braucht sicher auch eine Portion Mut bei der Bearbeitung dieser Fragestellungen, denn wir alle werden auch Projekte vorantreiben, die am Ende nicht erfolgreich sind. Aber das muss man einkalkulieren. Zu warten, bis der Markt sich neu geordnet hat, kann für uns kommunale Konzerne nicht der Weg sein, sondern wir müssen von Anfang an dabei sein und Innovationen aktiv mit entwickeln. Nur so können wir uns im Wettbewerb behaupten und erfolgreich bleiben.

Das gilt zum Beispiel für Themenfelder wie Wasserstoff.  Das Engagement setzt aber auch Investitionen voraus und ist finanziell eine Gratwanderung, daher werden wir auch hier in erheblichem Maße auf Fördermittel angewiesen sein. Auch die Verkehrswende allein von den ÖPNV-Unternehmen stemmen zu lassen, wird nicht funktionieren. Dafür sind die Infrastrukturkosten zu hoch.

Und wie sehen Sie hier die Perspektiven im Bereich der Erzeugung?





Im Bereich der Energieerzeugung gilt Ähnliches. Wir müssen die Strom- und Wärmeproduktion klimaneutral gestalten. Das erfordert erhebliche Investitionen in neue Erzeugungsanlagen. Unser Unternehmen hat den Ausstieg aus der Kohleverstromung bereits erfolgreich bewältigt.

Aber darauf wollen und werden wir uns nicht ausruhen, sondern gezielt in Übergangs- und neue Technologien investieren. Es geht hier aus meiner Sicht darum, den richtigen Mix zu finden. Den Mix der Energieträger, aber auch den Mix aus dezentralen kleinen Erzeugungsanlagen und größeren Anlagen.

Die DVV investiert kräftig in den Ausbau der digitalen Infrastruktur und ist maßgeblich daran beteiligt, Duisburg zu einer Smart City zu entwickeln. Was planen Sie hier im Einzelnen und wie sieht Ihre Strategie konkret aus?

Wir sind seit vielen Jahren auch erfolgreicher Anbieter digitaler Infrastruktur. Daseinsvorsorge hat sich längst weiterentwickelt und digitale Angebote sind ein integraler Bestandteil geworden. Dem tragen wir Rechnung. Wir betreiben Rechenzentren und bauen aktuell ein weiteres, das der erste Baustein in einem neuen Duisburger Technologie-Quartier sein wird.

Mit diesen digitalen Kapazitäten können wir verschiedenste neue Dienstleistungen am Markt etablieren. Eine der größten Investitionen in den kommenden Jahren wird in den Ausbau unseres eigenen Glasfasernetzes fließen. Damit erschließen wir uns neue Geschäftsmodelle, versorgen Kunden in Duisburg mit Hochgeschwindigkeitsinternet und Fernsehen über Glasfaser.

Die Stadt Duisburg hat sich zum Ziel gesetzt, Smart City zu werden. Auf diesem Weg begleiten wir die Stadt und unterstützen vielfältig. Nicht nur, dass wir die digitale Infrastruktur und Cloud-Lösungen für den Datenaustausch bereitstellen, wir realisieren auf diesem Weg auch eine Vielzahl eigener Projekte.

Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Im ÖPNV erhöhen wir durch die Digitalisierung die Fahrgastinformation mit Echtzeitverspätungs-Anzeigen, Routenoptimierungen oder multimodalen Reiseketten. Im Bereich der Straßenbeleuchtung testen wir an verschiedenen Stellen unterschiedliche Sensor-Techniken und errichten smarte Laternen – das spart Energie und kann mit innovativen Sensoren helfen, zum Beispiel Parkräume effektiver zu bewirtschaften oder Verkehrsströme besser zu lenken.

(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper