Herr Weinelt, wann haben die Wiener Stadtwerke die ersten Vorkehrungen zum Corona-Virus getroffen und wann wurden Maßnahmen in der Öffentlichkeit sichtbar?
Peter Weinelt, Generaldirektor-Stellvertreter: Wir haben Ende Februar begonnen, uns auf den Ernstfall vorzubereiten. Die Wiener Stadtwerke vereinen sehr viel kritische Infrastruktur, von der Energieversorgung im Großraum Wien bis zum Bestattungswesen. Von daher waren die Unternehmen frühzeitig in den jeweiligen Krisenstäben vertreten und haben rechtzeitig Vorkehrungen für die nun eingetretene Situation getroffen. Seit dem 12. März sind die vorderen Türen in Straßenbahnen und Bussen geschlossen. Unsere Kunden- und Servicecenter sind seit 16. März nur mehr virtuell besuchbar.
Wie bewerten Sie das politische Krisenmanagement in Österreich/Europa? Wünschen Sie sich mehr Unterstützung?
Wir maßen uns nicht an, die Umsetzung der von ExpertInnen ausgearbeiteten Maßnahmen und Notfallpläne von außen zu kommentieren. Was wir sagen können ist, dass es in Österreich ein sehr hohes Problembewusstsein seitens der Regierenden auf allen Ebenen gab und gibt, insbesondere auch in der Stadt Wien. Binnen kürzester Zeit wurden sehr viele Maßnahmen auf den Weg geschickt, die von der Bevölkerung erstaunlich gut angenommen wurden. Dahinter steckt eine Menge Disziplin und Verantwortungsbewusstsein. Wir sehen das auch in der erstaunlichen Bereitschaft unserer MitarbeiterInnen, in der jetzigen Situation das Beste zu geben.
Was passiert, wenn eines Ihrer Backup-Teams im Bereich Kritische Infrastrukturen ausfällt. Was machen Sie in diesem Fall um Ausfallsicherheit weiter zu gewährleisten – da es dann ja nur noch ein Team gibt?
Da wir auf Krisenplänen aufbauen, die in allen Bereichen kritischer Infrastruktur unabhängig von der aktuellen Situation laufend evaluiert und erprobt worden sind, trauen wir uns zu sagen, dass es zu solchen Situationen mit größter Wahrscheinlichkeit nicht kommen wird. Überall dort, wo es tatsächlich kritisch werden könnte, Stichwort Energieversorgung, haben wir entsprechend Vorsorge getroffen. In den Schalt- und Steuerungszentralen für die Strom- und Wärmeversorgung wurde bereits vor zehn Tagen ein Schlüsselpersonal von 50 Mitarbeitern von der Außenwelt isoliert, um das Risiko einer Ansteckung zu minimieren und die Versorgungssicherheit zu garantieren.
Welche finanziellen Auswirkungen wird die Epidemie auf Ihr Unternehmen haben? Müssen Sie den anvisierten Kurs korrigieren?
Das ist derzeit noch schwer zu prognostizieren. Rund zwei Drittel unseres Umsatzes kommt aus dem Energiegeschäft, dh ein besonders milder Winter trifft uns wohl härter als das, was wir bis dato aus der Coronakrise an Einbußen herauslesen können. Wobei wir in manchen Bereichen, etwa in der Garagierung, natürlich mit herben Einnahmenausfällen zu tun haben.
Es droht eine schwere Rezession, die Wirtschaft steht derzeit still, der Industriestromverbrauch dürfte drastisch zurückgehen, was bedeutet dieser Einbruch für Ihre Umsatz- und Ergebnisplanung
Das können wir aus heutiger Sicht nicht seriös beantworten, da wir nicht wissen, wie lange die Produktion in vielen Unternehmen derart eingeschränkt sein wird.
Rechnen Sie mit steigenden Energiepreisen/ÖPNV-Tickets/Wasserpreise?
Nein. Büros und Fabriken stehen derzeit still und wir sehen, dass der Energieverbrauch in Summe etwas zurückgeht. Der Rückgang gilt aber nur für die Dauer der Maßnahmen zur Eindämmung des Virus und wird keinen Einfluss auf die Preise haben. Beim öffentlichen Nahverkehr haben wir bereits vor Jahren das 365 Euro-Jahresticket eingeführt. Eine Erfolgsgeschichte, die wir nicht beenden werden. Für die Wasserversorgung sind wir nicht zuständig, aber ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, dass sich die Preise aufgrund des Coronavirus erhöhen werden.
Welche Auswirkungen hat der Virus auf laufende Projekte wie zum Beispiel Kraftwerksbau, Infrastrukturausbau oder der Rollout intelligenter Zähler?
Das lässt sich aus heutiger Sicht nicht genau sagen. Aktuell ist es so, dass wir bei Großprojekten wie dem Bau der U2 und der U5 mit geringfügigen Verzögerungen rechnen – in dem Ausmaß, indem die Baustellen nicht befahren werden können. Das Rollout unserer Smart Meter verzögert sich um die Zeit, in der der Kontakt zu den Kundinnen und Kunden ausfällt. Wie lange das ist, hängt von den weiteren Maßnahmen ab.
Wie lange lässt sich dieser „Notbetrieb“ wie er jetzt vorherrscht aufrecht erhalten?
So lange, wie es eben nötig ist, da gibt es zeitlich keine Grenze. Wir halten das wesentlich länger durch als das Coronavirus.
Wie viel Prozent Ihrer Mitarbeiter arbeiten im Homeoffice? Wie gewährleisten Sie hier Datenschutz und IT-Sicherheit?
Das variiert von Unternehmen zu Unternehmen. Wenn es um kritische Infrastruktur geht, sind die Menschen vor Ort. Bei Wien Energie sind über 50 Mitarbeiter in ein Kraftwerk eingezogen, um den sicheren Betrieb der Kraftwerke und der Müllverbrennung zu gewährleisten. Diese Mitarbeiter befinden sich beispielsweise nicht im Homeoffice, verbreiten aber auch das Virus nicht weiter. Datenschutz und IT-Sicherheit sind Themen, die schon vor Corona bei uns aufgeschlagen sind. Unsere IT-Tochter WienIT ist dafür zuständig und hat rechtzeitig die Infrastruktur geschaffen, die für Datensicherheit und Datenschutz sorgt, auch, wenn von zu Hause aus gearbeitet wird.
Hatten Sie bereits einen Covid-19-Fall?
Wir hatten bisher nur Verdachtsfälle. Da sind alle Unternehmen derzeit besonders sensibel, wer noch vor Ort arbeitet und sich krank fühlt, bleibt der Arbeit fern. Aber es ist natürlich nur eine Frage der Zeit, bis wir einen konkreten Fall haben werden. Besonders gefährdet sind hier die Menschen, die für den öffentlichen Personenverkehr arbeiten. In den Straßenbahnen und den Bussen sind die Fahrer vorne abgetrennt zu den übrigen Fahrgästen, die vordere Eingangstüre öffnet nicht mehr. Bei der Wien Energie wurde auf Schichtbetrieb umgestellt, sodass im Falle einer Erkrankung immer ein anderes Team zur Verfügung steht. Ansonsten stellen wir in den Unterkünften Desinfektionsmittel zur Verfügung und achten darauf, dass die Menschen ausreichend Abstand zueinander halten. Das klingt banal, ist aber das effizienteste Mittel.
Worin sehen Sie persönlich die größte Herausforderung bei der Bewältigung der Krise? Wo gibt es auch Chancen?
Die größte Herausforderung betrifft nicht uns, wir kommen damit gut zurecht. Die größte Herausforderung betrifft die Gesellschaft, besonders die Stadt. Familien mit drei, vier Kindern, die auf engem Raum zusammenleben, die drängt es natürlich ins Freie. Denen fällt die Decke auf den Kopf. Hier gilt es abzuwägen, was das beste Mittel ist, um einerseits das Virus einzudämmen und anderseits eine soziale Verträglichkeit zu finden. Da gibt es keine klare Antwort und dennoch muss man eine finden. Unklare Anweisungen führen zu Angst in der Bevölkerung, und die ist unangebracht. Chancen gibt es auch: Man bleibt ja nicht vorrangig zuhause, um gesund zu bleiben, sondern um keine anderen ansteckt. Es macht sich ein Gefühl von Zusammengehörigkeit bemerkbar, denn wir sind ja alle gleichermaßen betroffen.
Die Fragen stellte Stephanie Gust
Wie andere Versorger mit der Corona-Krise umgehen, können Sie auch in der aktuellen Print-Ausgabe der ZfK nachlesen.
