Es besteht kein Zweifel, dass Plattformen wie Zoom sehr nützlich sind. Aber eine Videokonferenz hat auch ihre Nachteile. „Wir verlassen uns darauf, dass sie uns mit den Menschen verbindet, und doch kann sie bei uns ein Gefühl der Müdigkeit und Leere hinterlassen“, sagt Andre Spicer, Professor für Organisationsverhalten an der University of London. „Sie hat uns einen gewissen Anschein von normalem Leben während der Abschottung gegeben, aber sie kann Beziehungen irreal erscheinen lassen.“ Die davon ausgelösten Probleme haben auch schon eine Bezeichnung: Zoom-Müdigkeit.
Denn wenn man mit anderen Personen über den Bildschirm interagiert, muss das Gehirn viel intensiver arbeiten. „Video-Chats bedeuten, dass wir härter arbeiten müssen, um nonverbale Hinweise wie Mimik, Ton und Tonhöhe der Stimme und Körpersprache zu verarbeiten“, stellt Gianpiero Petriglieri von der Wirtschaftshochschule Insead fest. „Wenn man diesen mehr Aufmerksamkeit schenkt, verbraucht man viel Energie.“
Herz gegen Kopf
Die größere Anstrengung, um zu verstehen, was vor sich geht, kann zu Fehleinschätzungen führen. In einer Studie wurde festgestellt, dass Mediziner, die über Videokonferenzen an einem Seminar teilnahmen, sich eher darauf konzentrierten, ob sie den Vortragenden mochten, während diejenigen, die persönlich anwesend waren, mehr auf die Qualität der Argumente des Vortragenden achteten.
Videokonferenzen können auch emotional anstrengend sein. Einer Studie zufolge fühlten sich Dolmetscher, die bei den Vereinten Nationen und der Europäischen Union arbeiteten und Fernübersetzungen anfertigten, entfremdet. Therapeuten, die Behandlungen über Videoanrufe durchführen, berichteten von Befürchtungen, sie hätten die Verbindung zu ihren Patienten verloren.
Noch nervöser
Eine Studie über die Interaktion zwischen Schülern und Lehrern ergab, dass bei einer mündlichen Prüfung, die über eine Videoverbindung durchgeführt wurde, Schüler, die sich bereits verunsichert fühlten, noch ängstlicher wurden als bei einer Prüfung von Angesicht zu Angesicht. Infolgedessen schnitten sie tendenziell schlechter ab.
Ein Problemverstärker ist dabei, dass wir bei Videokonferenzen unser Spiegelbild sehen. Das kann dazu führen, dass wir selbst uns befangen und weniger sicher bei unseren Interaktionen fühlen, anaylisiert Spicer.
Gegenmittel
Es gibt einige relativ einfache Dinge, die man tun kann, damit Videokonferenzen weniger ermüdend werden. „Vermeiden Sie Multitasking während eines Videoanrufs, um Ihre kognitive Arbeitsbelastung zu verringern und Ihre Aufmerksamkeit zu fördern“, rät Spicer. „Machen Sie zwischen den Anrufen eine Pause und entfernen Sie sich vom Bildschirm, damit Sie Zeit zum Nachdenken, zur Neugruppierung und zur Erholung haben.“
Videomeetings sollten auf das maximal Erforderliche beschränkt werden. Das Einschalten der Kamera sollte optional sein und es sollte mehr Akzeptanz dafür geben, dass das Video auch mal aus bleibt. "Wenn Sie ihr Selbstbild verbergen, sind Sie vielleicht weniger gehemmt und können sich mehr auf das konzentrieren, was andere sagen." (hp)
