Bild: © tashatuvango/AdobeStock

"Viele Stadtwerke sind für die Herbststürme noch nicht genügend gewappnet", warnte Karl Holger Möller, Senior Analyst von Euler Hermes Rating. Digitale Technologien und junge, branchenfremde Unternehmen bedrängten zunehmend die Geschäftsmodelle der kommunalen Versorger – daraus resultiere eine derzeitige strategische Schwäche. Stadtwerke müssten in Zukunft deutlich mehr investieren, dabei seien neue Finanzierungskonzepte gefragt, zumal die Phase der extrem niedrigen Zinsen nicht ewig andauern werde. Die kommunalen Unternehmen müssten ihre ureigenen Stärken definieren – und sich dementsprechend positionieren.

Für derartige düstere Prognosen gebe es weit und breit keine Basis konterte Achim Kötzle, Geschäftsführer der Stadtwerke Tübingen. Die überwiegende Mehrheit der Stadtwerke sei solide finanziert, auch die Zahl der kommunalen Versorger habe – allen, schon vor Jahren immer wieder ventilierten Unkenrufen zum Trotz – weiter zugelegt. Das Aufgabenspektrum sei durch die Daseinsvorsorge breit angelegt und beinhalte dadurch eben auch "strukturell defizitäre" Aufgaben.

"Wir sind vor Ort, wir kennen die Kunden"

Unterstützung bekam Kötzle von Michael Wübbels, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des VKU. Angesichts der seit Jahren andauernden Turbulenzen bei den großen Energiekonzernen hätten die Stadtwerke ihre Rolle als „Stabilitätsanker der Energiewende“ gefestigt. "Wir beschäftigen uns mit Zukunftsfragen wie Quartiers-Konzepten, Mieterstrom-Modellen, Plattformen für Sektorenkopplung oder der KWK-Entwicklung und schleppen viel weniger Altlasten mit uns herum als die Konzerne", betonte Wübbels.

Auch bei neuen, datenbasierten Geschäftsmodellen gelte es für Stadtwerke, ihre regionale Verankerung auszuspielen, ergänzte Kötzle. "Wir sind vor Ort, wir kennen die Kunden, wir genießen großes Vertrauen. Daraus müssen wir einen Mehrwert generieren", betonte der Stadtwerke-Geschäftsführer. Bei der Bearbeitung digitalisierter Kundenkontakt-Verbindungen stehe man noch am Anfang.

Herkulesaufgaben für die Personalplanung

Auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs rüsten die Stadtwerke Tübingen derzeit das dort entstehende Wohn- und Gewerbegebiet mit Glasfaser aus und bereiten eine Infrastruktur für die Elektromobilität vor. Viele Projekte würden jedoch nicht genehmigt, so der Stadtwerke-Chef. Bei der Mobilität gebe es derzeit Überlegungen, die Regionalbahn über den Hauptbahnhof hinaus in die Stadt zu wichtigen Standorten wie den Universitäts-Kliniken zu verlängern. Ein 250 Mio. Euro schweres Zukunftsprojekt für die kommenden zehn bis 20 Jahre.

Welche immensen Herausforderungen auf Stadtwerke sowohl auf personeller Ebene als auch mit Blick auf die Führungskultur warten, skizzierte Ingo Hannemann, Geschäftsführer von Hamburg Wasser. Bei dem kommunalen Versorger mit rund 2000 Beschäftigten wird bis zum Jahr 2030 rund die Hälfte der Mitarbeiter das Unternehmen aus Altersgründen verlassen haben – eine Herkulesaufgabe für die Personalplanung und -ausbildung.

"Da fehlt uns etwas an der schnellen, agilen Ecke"

Daneben werden die etwa 180 Führungskräfte derzeit darauf getrimmt, neue Wege der Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern einzuüben und deutlich mehr Verantwortung als bisher zu delegieren, erläuterte Hannemann. Das Management müsse lernen, "über alle Ebenen hinweg" loszulassen.

Ein Versorger mit 177-jähriger Geschichte könne schon mal zur Behäbigkeit neigen, sagte Stadtwerke-Tübingen-Chef Kötzle. "Da fehlt uns etwas an der schnellen, agilen Ecke." Da könnten Start-ups, die Innovatives ohne Erfolgsgarantie einfach mal ausprobierten, als Vorbild dienen. "Wir müssen auch das Scheitern lernen", so Kötzle. Bei Entwicklungen wie "LoRaWAN" müsse eben auch mal schnell reagiert werden. "Bis man alles überlegt hat, ist das Thema durch."

Welches Start-up könnte das Geschäftsmodell zerstören?

Und bei Hamburg Wasser hat das Management kürzlich das Szenario durchgespielt, welches Start-up in der Lage sein könnte, "unser Geschäftsmodell kaputtzumachen" wie Geschäftsführer Hannemann erklärte. Fündig wurden die Hamburger zwar nicht - aber künftig wird die Überprüfung der Gefahr von außen jedes Jahr wiederholt. 

Angesichts der vielfältigen Herausforderungen sollten die Stadtwerke Kooperationen stärker als Chance begreifen und die immer wieder zu beobachtenden Ängste vor einem Steuerungsverlust überwinden, erklärte der stellvertretende VKU-Hauptgeschäftsführer Wübbels. "Wir brauchen mehr Vertrauen in Kooperationen." (hil) 

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