Freuen sich über den regen Zulauf zur Versorger Allianz 450: Theo Warder, Geschäftsführer von Bonn Netz und Vorstandsvorsitzender des Vereins, sowie sein Stellvertreter Jens Nehl, Technischer Vorstand der Stadtwerke Bad Honnef.

Freuen sich über den regen Zulauf zur Versorger Allianz 450: Theo Warder, Geschäftsführer von Bonn Netz und Vorstandsvorsitzender des Vereins, sowie sein Stellvertreter Jens Nehl, Technischer Vorstand der Stadtwerke Bad Honnef.

Bild: © Martin Magunia/Versorger-Allianz

"Die 450-MHz-LTE-Funknetz-Technolgie ist prädestiniert für die besonderen Anforderungen der Energiewirtschaft, aber auch der Wasserwirtschaft", sagt Stefano Jardella, Abteilungsleiter Recht von den Oberhessischen Versorgungsbetrieben (Ovag). "Wir brauchen ausfallsichere Kommunikationslösungen, die uns auch in Krisenfällen mit flächendeckenden Stromausfällen erlauben, unsere Netze wieder in Gang zu setzen und die dafür notwendige Kommunikation mit unserem Fieldservice aufrecht zu erhalten.

Die Versorgungswirtschaft könnte mit dem Nutzungsrecht über das 450-MHz-Frequenzband prinzipiell sowohl die eigenen Bedarfe decken, als auch Services für andere Akteure des Katastrophenschutzes anbieten. Von daher verspricht eine Widmung für die Zwecke der Versorgungswirtschaft aus unserer Sicht den höchsten volkswirtschaftlichen Nutzen", wirbt Jardella.

Versorger-Allianz 450 gegründet

Sein Unternehmen hat sich dem Verein Versorger-Allianz 450 angeschlossen, der Ende April von Bonn Netz, Bad Honnef, den Netzen Duisburg und der SWO Netz gegründet wurde. Ziel ist es, sich um die zum 1. Januar 2021 freiwerdenden 450-MHz-Frequenzen zu bewerben. Diese vergibt die Bundesnetzagentur noch dieses Jahr. Beworben haben sich neben der Energiewirtschaft außerdem die Innere Sicherheit und die Bundeswehr.

"Da die Frequenz für 20 Jahre vergeben wird, wäre eine Nichtzuteilung an die Branche eine Katastrophe", verdeutlicht Theo Waerder, Geschäftsführer von Bonn Netz, die Ausmaße. Waerder ist außerdem Vereinsvorsitzender der Allianz.

Die Herausforderungen der Energiewende, die Dezentralität der Erzeugung, Netzstabilität und die regulatorischen Anforderungen sowie die Digitalisierung seien nur mit einem eigenen Funknetz zu schaffen, so Waerder. Uwe Horn, Geschäftsführer der Stadtwerke Passau, bekräftigt: "Die Netze der Stadtwerke und Energieversorger bilden die Säulen der Daseinsvorsorge. Sie zählen damit zu den kritischen Infrastrukturen und verdienen besonderen Schutz. Zum Betrieb bedarf es dabei einer soliden Kommunikationstechnologie mit der entsprechenden Infrastruktur."

Vorteile der LTE-Funkfrequenz

Einen entscheidenden und wichtigen Baustein zur Sicherstellung der Informationssicherheit, zur Netzstabilität und zur Aufrechterhaltung des hohen Niveaus könne dabei die Kommunikationsinfrastruktur auf Basis des 450-MHz-Bandes darstellen. "Sie kann schwarzfallsicher aufgebaut werden und bietet eine hohe Flächenabdeckung mit vergleichsweise geringer Anzahl an Sendemasten.

Zudem ermöglicht das 450-MHz-Band neben einer bedeutsamen LTE-Fähigkeit auch eine Durchdringung von Gebäudehüllen, so dass beispielsweise auch bislang nur schwer anbindbare Anlagen erreicht werden können", so Horn. Auch sein Unternehmen hat sich der Allianz angeschlossen.

Über 120 Mitglieder in kürzester Zeit

Inzwischen hat die Initiative mehr als 120 Mitglieder, die in etwa 29 Mio. Bürger mit Energie und/oder Wasser beliefern beziehungsweise Abwasser entsorgen. Dies entspricht mehr als einem Drittel der Gesamtbevölkerung und über 30 Prozent der Gesamtfläche in Deutschland. Dabei werden laut der Allianz die gesamten Brancheninteressen abgedeckt: von Flächenversorgern über städtische bis hin zu regionalen Versorgern.  

Gehe die Lizenz  für die zum 1. Januar 2021 freiwerdenden 450-MHz-Frequenzen an die Allianz Versorgungssicherheit 450, werde man diese allen Versorgern in Deutschland diskriminierungsfrei zur Verfügung stellen, erläutert der Vereinsvorsitzende Waerder das Modell.

Sichere eigene Kommunikationsnetze nötig

Neben einer hochverfügbaren und auch bei Stromausfällen funktionierenden Kommunikationslösung zur Steuerung der Netze und Anlagen gebe es zuästzliche "neue Anforderungen aus der EU, die Verteilnetzbetreiber in Zukunft verpflichtet, gesicherte Sprachkommunikation nachzuweisen", erklärt Jens Nehl, Technischer Vorstand der Stadtwerke Bad Honnef und stellvertretender Vorsitzender der Allianz.

Dies lasse sich aus Sicht der Versorgungswirtschaft nicht sicher über öffentliche Kommunikationsnetze realisieren. "Uns ist kein öffentlicher Anbieter bekannt, der Sprachkommunikation im Schwarzfall für 48 oder gar 72 Stunden garantieren könnte", so Nehl. Umso wichtiger sei es im Krisenfall, per Sprache zu kommunizieren und gesichert Netze zu steuern und zu überwachen.

Darüber hinaus ist mit dem neuen Messwesen die Ermittlung und Bereitstellung von Messwerten aus den Zählern gefordert. Eine flächendeckende Informationsanbindung der Gateways sei daher unverzichtbar. Doch gerade im ländlichen Bereich sind Breitband oder Mobilfunk zur Datenübertragung unzureichend vorhanden, so Nehls Kritik.

1600 Funkmasten wären bundesweit nötig

Die Vergabe der 450-MHz-Frequenz als branchenspezifisches Energieinformationsnetz findet daher auch breite Unterstützung der Verbände VKU, BDEW, DVGW, Geode und VFNN|FNN. Allerdings geht das Konzept der Versorger-Allianz 450 über das vom BDEW entwickelte Branchenmodell hinaus: Vorgesehen ist ein dauerhafter Betrieb über den 20-jährigen Zuteilungszeitraum.

Bislang existiert ein bundesweites 450-MHz-Funknetz ohnehin noch nicht. Nach Berechnungen des Vereins wären bundesweit rund 1600 Funkmasten erforderlich, um ein Netz mit 99 Prozent Flächenabdeckung zu erreichen, rechnet der Verein Versorger-Allianz 450 vor. Aktuell laufen wenige Pilotprojekte, die die Tauglichkeit für die Versorger belegt haben. Diese Projekte werden von der Allianz 450 integriert, sodass dort kein "stranded invest" entsteht.

Die Investitionen für den Aufbau und Betrieb eines solchen Netzes schätzt Waerder auf 250 bis 350 Mio. Euro. Hinzu kommen jährliche OPEX-Kosten von 50 Mio. Euro. Kostenmindernde Synergien aus bereits vorhandenen Tetra-Digitalfunkstationen, vorgerüsteten Standorten und vorhandener weiterer Infrastruktur sind dabei noch nicht berücksichtigt. Wer in den Netzausbau investiere, erhalte eine Kapitalverzinsung, ähnlich wie in der Netzregulierung der Sparte Strom.

Basisdemokratisches Genossenschaftsmodell als Ziel

Angestrebt wird bei der Allianz ein System gleichberechtigter Partner in einem basisdemokratischen Genossenschaftsmodell. Mehrheitsbeteiligungen sind damit ausgeschlossen. Abgerechnet wird nach Umfang der Nutzung, erklärt Waerder. Nämlich über Funktarife, etwa für Smart-Meter, Sprachkommunikation oder M2M-Kommunikation.

Nicht nur für Krisenfälle nützlich

Die Kommunikationsinfrastruktur ist zudem nicht nur für Krisenfälle gedacht: "Sie könnte auch zur soliden Grundlage für viele neue Geschäftsmodelle wie Smart Grid, Smart City, Smart Home oder Abrechnung von E-Mobilität ausgebaut werden. Aber auch für bereits bestehende Aufgaben wie Netzsteuerung und Zählerfernauslesung kann sie zuverlässig eingesetzt werden", sagt Stadtwerke-Passau-Geschäftsführer Horn. Mit einer unentgeltlichen Vergabe der 450-MHz-Lizenzen an die EVU und Stadtwerke steht ihm zufolge der Branche damit eine vergleichsweise preiswerte Technologie zur Verfügung.

Neben den bereits genannten Anwendungsfällen gibt es auch in anderen Sparten wie Wasser, Abwasser, Fernwärme und Gasversorgung sowie dem öffentlichen Nahverkehr Möglichkeiten, das 450-MHz-Netz zu nutzen, erklärt Stephan Golembiewski, Leiter Bereich Netzführung der Stadtwerke Jena Netze. Sein Unternehmen hat sich der Allianz ebenfalls angeschlossen.

Vorteile für die Branche

Gründungsmitglied Bad Honnef ist überzeugt vom genossenschaftlichen Ansatz. "Die Hauptnutzer sind hier diejenigen, die Anfoderungen und Produkte definieren. Am Ende erhält also die Branche das, was sie benötigt und ist nicht gezwungen, auf marktwirtschaftlich orientierte Produkte von privaten Telekommunikationsanbietern zurückzugreifen", macht sich Vorstand Nehl für das Modell stark.

Als Inhaber der Lizenz strebe man zudem an, auf die Bedürfnisse von KRITIS-Unternehmen und Behörden abgestimmte Services diskriminierungsfrei und zu marktfähigen Preisen anzubieten. Dazu gehöre eine schwarzfallfeste Notfall- und Krisenkommunikation für 72 Stunden mit 99 Prozent Outdoor- und 70 Prozent Indoor-Erreichbarkeit in der Fläche ebenso wie acht Stunden schwarzfallfester Betriebsfunk. Das Netz lasse sich außerdem so konfigurieren, dass mit den Behörden für Ordnung und Sicherheit (BOS) in einem konkreten Krisenfall die notwendigen Abstimmungen möglich sind.

"Aus unserer Sicht wäre eine Entscheidung für die Energiewirtschaft keine gegen die Einrichtungen der inneren Sicherheit oder der Bundeswehr", sagt zudem Jean Petrahn, Geschäftsführer der Stadtwerke Hof. Schließlich stelle man seine Infrastruktur stets diskriminierungsfrei zur Verfügung. So hätten alle, die vor allem im Katastrophenfall auf die Kommunikation über diese Frequenz angewiesen wären, etwas davon. "Umgekehrt wäre dies mit Sicherheit nicht so einfach, schließlich ist die Anbindung der 450-MHz-Antennen an eine unterbrechungsfreie Stromversorgung unser Tagesgeschäft." (sg)

Lesen Sie mehr zur 450-MHz-Allianz in der aktuellen ZfK-Printausgabe auf Seite 9. Das Abo dazu finden Sie hier.

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