Herr Sörries, der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) hat mit WIK-Consult eine Studie zu digitalen Infrastrukturen herausgegeben. Sie sind zudem Autor der Studie, welche Geschäftsmodelle sehen Sie im Hinblick auf digitale Infrastrukturen als lukrativ an?
Bernd Sörries, einer der Direktoren bei WIK sowie Leiter der Abteilung "Regulierung und Wettbewerb": Das Rückgrat der Digitalisierung sind Gigabit-Netze, moderne Funknetze und leistungsfähige Rechenzentren. Investitionen in diese Infrastrukturen sind nicht nur notwendig, sie sind auch betriebswirtschaftlich lukrativ. Es ist nicht überraschend, wenn gerade der Glasfaserausbau immer mehr Investoren anzieht oder neue Rechenzentren entstehen. Die Digitalisierung benötigt dezentrale, leistungsfähige Infrastrukturen.
Sie unterscheiden zwischen passiver und aktiver Infrastruktur, sprich, bei letzterem bieten Unternehmen ihre Infrastruktur mindestens an. Nach Zahlen des VKU sind das 41 Prozent der VKU-Mitgliedsunternehmen in dieser Rolle aktiv – vor allem mittlere und kleine Städte. Wie kommt es zu dieser Verteilung?
Die bundesweit aktiven Anbieter investieren in neue Netze zunächst in den Ballungsgebieten. Hier gibt es in der Regel auch Breitbandkabelnetze. Kommunen außerhalb der Ballungsgebiete stehen somit nicht unbedingt im Fokus des Gigabitausbaus. Kommunale Unternehmen können diese Lücke füllen und hier ihre Vorteile ausspielen. Sie kennen die Kunden und die örtlichen Gegebenheiten. Mit ihren passiven Infrastrukturen legen kommunale Unternehmen die Grundlage für andere Anbieter, die Bandbreitennachfrage zu bedienen.
Wie sieht die Entwicklung beim Glasfaserausbau insgesamt aus?
Die Nachfrage nach Übertragungsbandbreiten läuft mittel- bis langfristig auf Glasfasernetze bis zu den Wohnungen hinaus. Nur in Ballungsgebieten ist es denkbar, dass es mehrere parallele Gigabitinfrastrukturen geben wird. Wer auf Glasfaser setzt und „open access“ ermöglicht, der hat mit diesem Geschäftsmodell den Schlüssel in der Hand, die Digitalisierung maßgeblich zu unterstützen. Im Übrigen: Wenn jetzt speziell außerhalb von Ballungsgebieten Glasfasernetze bis in die Wohnungen gebaut werden, drohen die Ballungsgebiete abgehängt zu werden. Vielleicht löst das einen Modernisierungsschub dort aus.
Dabei zählt nicht nur Glasfaser zur digitalen Infrastruktur, sondern auch 450 MHz, LoRaWAN und manche kommunalen Unternehmen wollen auch lokale 5G-Netze anbieten. Wie sehen Sie hier die Entwicklung?
Die Digitalisierung führt dazu, dass der Einsatz von Sensoren und Aktoren zunimmt. Was vernetzt werden kann, wird auch vernetzt! Parkplätze melden, ob sie frei oder belegt sind. Oder Echtzeit-Informationen über den Verkehr in den Städten. Grundlage der Anwendungen ist die Übertragung von Daten. Je nach Anwendung kommen aus technischer und ökonomischer Sicht unterschiedliche Kommunikationstechnologien und Netze in Betracht. Die Energiewirtschaft benötigt ein spezielles 450-MHz-Netz. Bei Smart City-Anwendungen kann LoRaWAN eingesetzt werden. Lokale 5G-Netze bieten Sicherheit und Leistungsfähigkeit in der Produktion. Aus technischer und ökonomischer Sicht gibt es kein „one size fits all“ der TK-Netze für die Vielfalt von Anwendungen.
Herr Hoffmann, wie bewerten Sie die Zahlen zur leitungsgebundenen Infrastruktur in Hinsicht mit kommunalen Unternehmen?
Karl Peter Hoffmann, Leiter des VKU-Arbeitskreises Telekommunikation und Geschäftsführer der Stadtwerke Sindelfingen: Der Anteil von Glasfaser am Markt ist noch verhältnismäßig klein. Schaut man genauer hin, bemerkt man, dass alternative Carrier wie die kommunalen Unternehmen in Summe mehr Glasfaser ausbauen als die großen Telekommunikationsunternehmen. Noch reicht Kupfer vielen Haushaltskunden aus, aber seine Datenkapazität ist endlich. Der Anteil von Glasfaser wird also kontinuierlich steigen. Und bei deren Ausbau werden kommunale Unternehmen aus meiner Sicht eine zentrale Rolle spielen.
Wie wichtig ist es für kommunale Unternehmen, beim Thema digitale Infrastrukturen aktiv zu sein? Warum sollte man sich nicht besser auf Dritte verlassen?
Sehr wichtig. Kommunale Unternehmen haben eigentlich alles, was man braucht, um in diesem Bereich erfolgreich zu sein: die notwendige Ortskenntnis samt genaues Wissen über die verlegten Infrastrukturen, direkten Kundenkontakt und eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung. Zudem sind ihre Strategien längerfristiger ausgelegt als das – überspitzt gesagt – Quartalsdenken börsennotierter Telekommunikationsunternehmen. Auch haben kommunale Unternehmen längere Abschreibungsdauern und andere Finanzierungsmöglichkeiten. Seine Zukunft sollte man besser mit den eigenen Händen gestalten. Allerdings ist der Berg oft zu hoch, um ihn allein und ohne Kooperationen zu besteigen.
Welche Geschäftsmodelle sehen Sie im Hinblick auf digitale Infrastruktur als lukrativ an? Was davon funktioniert in Sindelfingen?
Ich rate davon ab, sein Geschäft einzig und allein damit zu bestreiten, Leerrohre zu vermieten. Das ist zu wenig. Vielmehr sollte man auf die aktive Vermarkung setzen, durchaus auch über eigene Produkte. In Sindelfingen setzen wir beispielweise neben eigenen aktiven Endkundenprodukten auch auf Dark Fiber, verlegte, aber nicht aktive Glasfaserleitungen, die wir bildhaft gesprochen für andere Telekommunikationsfirmen sofort anknipsen können. Das Vermieten von Dark Fiber dient uns als „Überbauschutz“ und ist natürlich auch zur schnellen Anbindung von 5G-Masten geeignet. Zudem vernetzen wir unterschiedliche Standorte von Unternehmen in der Region per „Direktleitung“. Und wir betreiben ein Rechenzentrum. Viele lokal ansässige Unternehmen möchten nicht, dass ihre Daten in einem Rechenzentrum irgendwo auf der Welt liegen. Sie möchten, dass sich ihre Daten vor Ort befinden.
Wie gelingt mir ein guter Einstieg in das Geschäftsfeld digitale Infrastruktur/en?
Um es auf eine Faustformel zu bringen: Das Netz muss zur Stadt beziehungsweise zur Kommune passen. Wir sprechen hier auch von einem geplanten „Zielnetz“, das sich den Bedingungen vor Ort immer wieder anpassen muss. Kommunikation mit der Stadt oder der Kommune und die Planung, was in die Erde gehört, sind entscheidend. Ein Beispiel mit Blick auf ein 5G-Netz: Jede Straßenlaterne ist ein potenzieller 5G-Standort. Ich muss alle potenziellen smarten Datenpunkte kennen, um sie in den Planungen zu berücksichtigen und so die Voraussetzungen dafür schaffen, sie an Glasfaser anzubinden.
Die Fragen stellte Stephanie Gust
Ansprechpartner für die Studie "Digitale Infrastrukturen kommunaler Unternehmen" sind:
Bernd Sörries (WIK-Consult) b.soerries(at)wik.org, 49 2224 9225-23 und
Thomas Abel, Geschäftsführer Geschäftsführer Wasser/Abwasser und Telekommunikation im VKU: abel(at)vku(dot)de, 49 30 58580-150.



