Als Leuchtturmprojekt ist Bayerns größte Produktionsanlage für grünen Wasserstoff im vergangenen September in Wunsiedel gestartet. Doch ob diese überhaupt wirtschaftlich betrieben werden kann, dahinter steht seit Wochen ein großes Fragezeichen.
Die WUN H2 GmbH (Betriebergesellschaft des Elektrolyseurs) hat deshalb unter anderem den vorgesehenen Ausbau der Anlage von 8,5 auf 17,5 MW erst einmal verschoben.
Hintergrund ist die Abschöpfungsregelung zur Finanzierung der Strompreisbremse. Um einen wirtschaftlichen Betrieb der Anlage zu wettbewerbsfähigen Preisen garantieren zu können, will die Betreibergesellschaft WUN H2 GmbH, zu deren Gesellschaftern Siemens, die Stadtwerke Wunsiedel und Rießner Gas gehören, einen langfristigen Stromliefervertrag (PPA) abschließen.
Windparkbetreiber könnten ins Minus rutschen
Ziel sei eine Laufzeit von fünf Jahren oder mehr, wie Marco Krasser, Geschäftsführer der Stadtwerke Wunsiedel im Gespräch mit der ZfK erklärt. Der Ökostrom sollte aus Windparks und Photovoltaikanlagen der ZukunftsEnergie Nordostbayern GmbH (ZENOB), die rund 30 Kommunen und vier Landkreisen aus der Region gehört, direkt an die WUN H2 GmbH verkauft werden.
Die Vorgaben der EU für grünen Wasserstoff sehen zwingend ein PPA und eine örtliche Nähe der Stromproduktion vor.
Doch das ist aktuell nicht möglich. Um die Strompresbremse zu finanzieren, werden Zufallsgewinne aus den rekordhohen Erträgen des vergangenen Jahres von Betreibern von Windkraftanlagen abgeschöpft . Diese müssen einen Großteil der Differenz zwischen dem Börsenpreis und den Erzeugungskosten plus Gewinnmarge an den Bund abführen.
Stadtwerke fordern Rechtssicherheit
Verkaufe nun ein Windpark Strom unter dem aktuellen Preis an der Börse an die H2-Anlage, könne er damit ins Minus rutschen, schreiben die Stadtwerke Wunsiedel. Dies weil der Staat den aktuellen Börsenpreis zur Ermittlung des Abschöpfungsbetrags zugrunde legt.
Der Windparkbetreiber zahlt dann unter Umständen mehr an den Staat, als er mit der Stromproduktion erwirtschaftet hat. Das macht ein PPA zwischen der ZukunftsEnergie Nordostbayern GmbH (ZENOB) und der Betreibergesellschaft des Elektrolyseurs aktuell zu riskant.
„Aktuell ist die Marktsituation entspannt, aber was passiert, wenn die Strompreise im Großhandel noch einmal explodieren?“, fragt Marco Krasser. Das WUN H2 GmbH und ihr vorgesehener Stromlieferant bräuchten Rechtssicherheit, dass in so einem Szenario, bei der Prüfung einer Abschöpfung nicht der aktuelle Börsenpreis, sondern der im PPA vereinbarte Preis zugrunde gelegt werde.
Krasser hofft auf Ausnahmeregelung
Der Stadtwerkegeschäftsführer hofft, dass das Bundeswirtschaftsministerium das Problem nun mit einer Ausnahmeregelung aus der Welt schafft. So sieht das StromPBG bereits eine spezielle Regelung für Stromlieferverträge vor, die vor dem 1. November 2022 abgeschlossen worden sind. Bei diesen wird zur Ermittlung eines eventuellen Zufallsgewinns der tatsächliche Verkaufspreis herangezogen.
„Man könnte alle PPAs, die zur Wasserstofferzeugung dienen, von dem Abschöpfungsmechanismus ausnehmen, diese Regelung gibt es bereits auch für Sekundärregelleistung“, erklärt er. Die zweite Möglichkeit wäre, dass bei allen PPAs, egal ob neu oder alt maximal auf den im Liefervertrag festgelegten Betrag abgeschöpft werde.
„Bei dieser Option müsste aber sichergestellt sein, dass der Stromabnehmer nicht gleichzeitig von der Strompreisbremse profitiert."
Treffen mit Staatssekretär Wenzel im Januar
Das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin ist über den momentanen Projekt-Stillstand in Wunsiedel informiert. Ende Januar gab es ein Treffen der Betreiber mit dem Parlamentarischen Staatssekretär im BMWK, Stefan Wenzel. „Seitdem haben wir nichts mehr zu dem Thema gehört, außer dass die Erlösabschöpfung im Juni ohnehin auslaufen soll“, erzählt Marco Krasser.
„Wenn wir wirklich Anlagen aus dem EEG herausbekomnen wollen, ist ein Rechtsrahmen, in dem man keine PPAs abschließen kann, kontraproduktiv für die Energiewende“, stellt er klar.
Auch neues Stromprodukt kann nicht umgesetzt werden
Die aktuelle Konstellation verhindere im Übrigen auch die Umstellung des Regionalstromprodukts „Fichtelgebirgsstrom“ auf eine lokale Erzeugung, das nach Wegfall der EEG-Umlage Mitte vergangenen Jahres angepasst werden sollte.
Im eigenen Versorgungsgebiet sehen sich die SWW jetzt häufiger mit der Frage konfrontiert, warum sie das PPA nicht gleich Mitte September, bei der Inbetriebnahme der Anlage geschlossen haben. „Die politische Diskussion um einen Abschöpfungsmechanismus war damals schon im Gange, deshalb wollten wir hier keine unnötigen Risiken eingehen“, erklärt Krasser.
Abnehmer des Wasserstoffs befinden sich in Umkreis von 200 Kilometern
Die Anlage in Wunsiedel soll im derzeitigen Ausbaustadium circa 1.350 Tonnen Wasserstoff pro Jahr liefern. Abnehmer sind beispielsweise Glas- und Keramikbetriebe, Transportunternehmen oder auch ein Sägewerk. Die Kunden in Nordbayern, Thüringen, Westböhmen und im südlichen Sachsen sind laut SWW maximal 200 Kilometer entfernt und werden per LKW-Trailer beliefert.
Verwertet werden auch die Abwärme und der parallel zum Wasserstoff erzeugte Sauerstoff. Außerdem soll der Wasserstoff zur Stromproduktion in Blockheizkraftwerken der Region verbrannt werden, wenn gerade nicht genügend Strom im Netz vorhanden ist. Die dabei entstehende Wärme wird in das örtliche Wärmenetz eingespeist.
Der Betreiber WUN H2 rechnet mit einem sehr hohen Gesamtnutzungsgrad von etwa 90 Prozent seiner Anlage, ein Wert, der nur dank intelligenter Sektorenkopplung erreicht werde, heißt es. (hoe)



