Unsicherheiten bei der Prognose von Ausgleichsenergiekosten stellen Energieversorger vor große Herausforderungen.

Unsicherheiten bei der Prognose von Ausgleichsenergiekosten stellen Energieversorger vor große Herausforderungen.

Bild: © Anil Kumar Shrestha/Unsplash

Herr Edel und Herr Poos, für Energievertriebe sind Ausgleichsenergiekosten eine wesentliche, wenn auch bisweilen schwer vorhersehbare Kostenkomponente. Das Beratungsunternehmen BET hat ein Tool entwickelt, mit dem Versorger ihre Prognosegüte und Ausgleichskosten unter die Lupe nehmen und mit dem Branchenumfeld vergleichen können. Was haben die Ergebnisse der vergangenen Jahre gezeigt?

Peter Edel: Insbesondere 2020 war für viele Teilnehmer mit großen Unsicherheiten bei der Prognoseerstellung und folglich mit hohen Risiken verbunden. Die Prognoseabweichung stieg gegenüber den Vorjahren im Mittel um etwa 15 Prozent an. Zugleich haben sich die Ausgleichsenergiekosten im Mittel gegenüber den Vorjahren verdoppelt.

Was waren die Gründe dafür?

Jerome Poos: Zum einen traten nach Einführung des Regelarbeitsmarktes unerwartet hohe Preisspitzen in der Ausgleichsenergie von mehr als 16.000 Euro pro MWh auf. Zum anderen ergaben sich Risiken aus den pandemiebedingten, zum Teil massiven Veränderungen im Verbrauchsverhalten, gerade im Gewerbe- und Industriebereich. Beide Effekte führten zu hohen Ausgleichsenergiekosten, die in dieser Höhe sicher nicht vorhersehbar waren und vielfach auch nicht als Risikozuschlag in die Kalkulation, beispielsweise für Endkundentarife, für 2020 eingepreist wurden.

Zwar wurde Mitte Januar dieses Jahres am Regelarbeitsmarkt eine Preisobergrenze eingeführt. Dafür stiegen die Preise am Regelleistungsmarkt im Mai und Oktober in Rekordhöhen. Was raten Sie Versorgern angesichts solcher Ausschläge?

Edel: Lange haben die Themen Prognose und Bewertung von Risiken ein Schattendasein geführt. Das muss sich ändern. Denn auch in naher Zukunft sind die Entwicklung und Gestaltung der Ausgleichsenergiepreise mit Unsicherheiten behaftet – insbesondere im Lichte der aktuellen Bestrebungen, die europäischen Regelenergiemärkte zusammenzuführen. Fest steht, dass die Anreizwirkung künftig verstärkt werden soll. Nicht zuletzt wurde aus diesem Grund im August der Preismechanismus so überarbeitet, dass bei starken Abweichungen der Systembilanz die Ausgleichsenergiepreise schnell auf 20.000 Euro pro MWh und mehr steigen können. Dazu kommen die Themen Redispatch 2.0, Prosumer-Zuwachs und Digitalisierung. Dadurch verändern sich Prozesse, verkürzen sich Zyklen, wachsen Datenmengen rasant. Das könnte viele Betroffene vor nicht geahnte Schwierigkeiten stellen. Ich halte es daher für zwingend erforderlich, konsequent zu optimieren und zu erweitern.

Das heißt konkret?

Poos: Intelligente, selbstlernende Prognosealgorithmen sind sicherlich die Basis. Aber auch Ansätze wie die viertelstundenscharfe Bilanzierung mit intelligenten Messsystemen und die Weiterentwicklung allgemeiner oder auch netzbetreiberspezifischer, synthetischer Profile für Prosumer sind zu diskutieren. Bei untertägiger Messdatenbereitstellung besteht zudem die Chance, die Prognosen untertags zu optimieren und im Kontext der Portfoliobewirtschaftung zu nutzen. Sobald eine größere Anzahl an intelligenten Messsystemen im Einsatz ist, stellt sich die Frage, wie diese Smart-Meter-Prognosen konkret gestaltet werden. Intelligentes Clustern nach Verbrauchsmustern, eine schnelle und automatisierte Analyse der umfangreicheren Datenmengen sowie deren Weiterverarbeitung sind neben einer deutlich zu verbessernden Qualität aller Eingangsparameter eine wesentliche Herausforderung hin zu hochwertigen Prognosen. (aba)

Peter Edel ist Projektmanager beim Beratungsunternehmen BET. Er kümmert sich unter anderem um das Thema Ausgleichs- und Regelenergie. Jerome Poos ist Berater bei BET unter anderem im Bereich Prognosemanagement und Redispatch.

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