Solange die Krise andauere, werde es "garantiert keine Abschaltungen" geben, versicherte Wien-Energie-Geschäftsführer Michael Strebl.

Solange die Krise andauere, werde es "garantiert keine Abschaltungen" geben, versicherte Wien-Energie-Geschäftsführer Michael Strebl.

Bild: © vchalup/AdobeStock

In Anbetracht der verschärften Klimaschutzziele der Bundesregierung hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier bereits im Juli seine Stromverbrauchsprognose bis 2030 korrigiert. Damals ging eine erste Analyse von einem Bedarf zwischen 645 und 665 TWh aus. Nun liegt die genaue Szenariorechnung der Prognos AG vor und weist einen Bruttostromverbrauch von 658 TWh im Jahr 2030 aus.

Vor der Neuberechnung ging das BMWi von 580 TWh aus. Größter Treiber des Verbrauchs in den kommenden Jahren sei die Verkehrswende, heißt es in der aktuellen Analyse. Allein die E-Mobilität im Straßenverkehr trägt zu einem Anstieg von 68 TWh bei. Davon entfallen rund 44 TWh auf die Pkw, 7 TWh auf leichte Nutzfahrzeuge und 17 TWh auf schwere Nutzfahrzeuge. Wird zusätzlich der Stromverbrauch für Busse und Zweiräder hinzugezählt, ergibt sich im Jahr 2030 insgesamt ein Stromverbrauch für die Elektromobilität von rund 70 TWh (ohne Schienenverkehr).

16 Mio. E-Autos bis 2030

Die Zahl der batterieelektrischen Fahrzeuge (BEV) steigt in der Hochrechnung bis zum Jahr 2030 auf 16 Mio. Pkw, hinzu kommen 2,2 Mio. Plug-in-Hybride (PHEV). Im Jahr 2018 gab es erst rund 100-Tausend Elektro-Pkw, der damit verbundene Stromverbrauch lag bei schätzungsweise 0,3 TWh.

Aber auch der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur treibt den Stromverbrauch in den kommenden Jahren mit 37 TWh in die Höhe. Davon werden rund 40 Prozent in den Endverbrauchssektoren (Industrie, Verkehr) und weitere rund 40 Prozent im Sektor Energiewirtschaft eingesetzt. Rund 20 Prozent entfallen auf den nichtenergetischen Verbrauch.

Fünf Mio. Wärmepumpen

Nur ein Teil des benötigten Wasserstoffs wird inländisch erzeugt. Bis zum Jahr 2030 steige die inländische Wasserstoffproduktion laut Prognos-Analyse auf rund 12,5 TWh Wasserstoff. Ein Teil davon wird verwendet, um synthetischen Diesel zu produzieren, ein weiterer Teil wird direkt als Wasserstoff genutzt. Der Stromverbrauch für die Produktion der 12,5 TWh Wasserstoff beläuft sich auf knapp 20 TWh. Die im Inland installierte Leistung der Elektrolyseure liegt im Jahr 2030 bei 6,5 GW.

Auch die rund fünf Mio. Wärmepumpen, die es laut Hochrechnungen bis 2030 in Deutschland geben soll, brauchen jede Menge Strom (33 TWh). Zum Vergleich: 2018 waren etwa eine Mio. Wärmepumpen installiert und benötigten knapp 7 TWh. Gleichzeitig nimmt auch der Einsatz von Großwärmepumpen bei der Fernwärme zu ( plus 9TWh). Insgesamt steigt der Stromverbrauch der Wärmepumpen im Zeitraum 2018 bis 2030 damit um 35 TWh auf rund 42 TWh.

Rechenzentren werden effizienter

Allein im Bereich der Digitalisierung sei laut Expert*innen ein leichter Rückgang des Stromverbrauchs von circa 2 TWh im Vergleich zu 2018 zu erwarten. Grund hierfür seien Effizienzfortschritte sowohl bei Hard- als auch Software. Aus Sicht von Branchenverbänden müsse die künftige Regierung nun auf Basis der angepassten Verbrauchsprognose des BMWi möglichst schnell die Weichen für einen stärkeren Erneuerbaren-Zubau stellen. "Hierfür müssen die Ausbau-Hemmnisse schnellstmöglich beseitigt werden. Ebenso müssen im gleichen Zeitraum H2-fähige Gaskraftwerke mit einer Leistung von circa 40 GW zugebaut werden, deren Realisierung einen Leistungsmarkt in einem integrierten Energiesystem voraussetzt", kommentiert beispielsweise Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer VDMA Power Systems.

Der BDEW wiederum geht von einem noch größeren Strombedarf als das BMWi aus. 700 TWh schätzt der Verband den Verbrauch. "Aus unserer Sicht ist zudem ein höherer Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung von 70 Prozent bis 2030 erforderlich, wenn die Klimaziele erreicht werden sollen. Und es macht einen Unterschied, ob wir 500 Mrd. kWh Strom zu mindestens 70 Prozent erneuerbar erzeugen müssen oder 700 Mrd. kWh. Dadurch wird eine Anhebung der Ausbaupfade im EEG notwendig: Dies könnte für 2030 etwa 100 GW für Windenergieanlagen an Land, 11 GW für Biomasse und mindestens 150 GW für PV (Dach und Freifläche) bedeuten", meint Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung.

Liebing: Versorgungssicherheit gewährleisten

VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing fordert konkrete Maßnahmen, so dass auch bei einem erhöhten Stromverbrauch Klimaschutz und Versorgungssicherheit miteinander in Einklang stehen. "Zwei Punkte stehen dabei im Vordergrund: massiver Ausbau der erneuerbaren Energien und stabile Versorgung durch gesicherte Leistung. Um den Zubau der Erneuerbaren zu forcieren, empfehlen wir der künftigen Bundesregierung sehr schnell eine Kommission einzurichten, die einen gesamtgesellschaftlichen Konsens über die notwendigen Maßnahmen zur Beschleunigung des Erneuerbaren-Ausbaus schafft." Zugleich müssen nach Überzeugung des Verbandschefs zügig neue gesicherte Kraftwerkskapazitäten aufgebaut werden –vor allem gasbetriebene Kraftwerke und KWK-Anlagen, die perspektivisch Wasserstoff einsetzen können und damit ebenfalls klimaneutral betrieben werden können. "Andernfalls müsste Versorgungssicherheit durch Atom- und fossile Stromimporte von den europäischen Nachbarn oder aber doch noch durch inländische Kohlekraftwerke garantiert werden, die zwar im Zuge des Kohleausstiegs schon aus dem Markt genommen wurden, aber zur Sicherheit in den Reserven weiterlaufen. Unterm Strich wäre dem Klima damit nicht geholfen, das muss verhindert werden.“ (lm)

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