Die Zahl der Windparks in der Nordsee wird in den kommenden Jahren deutlich steigen und damit auch die Notwendigkeit, den Strom schnell und treffsicher zum Verbraucher an Land zu bringen. Der Netzbetreiber Tennet hat mit den drei Nordseeanrainer-Bundesländern sein «Windstrom-Booster-Konzept» vorgelegt. Das soll den Strom der Windparks auf See sammeln, in Gleichstrom wandeln und über drei jeweils 2-Gigawatt-Leitungen an Land bringen. Tennet verspricht Kosten- und Zeiteinsparungen, weniger Flächenverbrauch und einen deutlichen Schub («Boost») für den Ausbau der Offshore-Windenergie.
Das Prinzip ist vergleichbar mit einer Mehrfachsteckdose oder einem Sammelverteiler auf hoher See. Dort geht der von den Windparks erzeugte Wechselstrom per Leitung ein. Er wird in Gleichstrom umgewandelt und dann mit drei Leitungen mit je 2 Gigawatt in Küstennähe bei Heide (Schleswig-Holstein), Wilhelmshaven (Niedersachsen) und im Raum Bremen angelandet. Dort soll er dann wieder in Wechselstrom umgewandelt und in die Netze eingespeist oder an industrielle Großkunden unter anderem zur Wasserstoffproduktion geliefert werden. Später soll es auch «Gleichstromautobahnen» in den Süden geben.
Mehr Leistung und das schon früher
Bisher werden Offshore-Windparks nicht zu mehreren vernetzt, sondern jeweils durch Punkt-zu-Punkt-Verbindungen mit dem Stromnetz an Land gekoppelt. Mit dem Booster-System soll es möglich werden, 6 GW Offshore-Windenergieleistung bereits 2032 statt 2035, und damit drei Jahre früher als bisher im Netzentwicklungsplan vorgesehen, in das Stromnetz zu integrieren. 6 GW entsprächen sechs Großkraftwerken, betonte Tennet.
«Wir verstehen dies als ein Angebot auch für die aktuell laufenden Koalitionsverhandlungen, die bekanntlich einen Boost für den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland suchen», sagte Tennet-Geschäftsführer Tim Meyerjürgens am Freitag mit Blick auf die in Berlin laufenden Gespräche zwischen SPD, Grünen und FDP.
Gegen Ende des Jahrzehnts wird Zubau kräftig anziehen
Die Kapazitäten in der Nordsee, also die Leistung der dort installierten Windräder, stagnieren bei 6,68 GW. 2021 wird es erstmals seit vielen Jahren keine neuen Windenergieanlagen auf See geben. Ab Mitte und vor allem gegen Ende dieses Jahrzehnts erwartet die Branche indes einen «verstärkten bis sehr starken Zubau». Bis 2030 strebt die Bundesregierung einen Ausbau auf 20 und bis 2040 auf 40 GW an.
«Angesichts des zuletzt stockenden Ausbaus der Windenergie auf See brauchen wir [...] Ansätze wie diesen, die uns wieder mehr Tempo aufnehmen lassen. Denn die Zeit läuft uns sonst davon», betonte Niedersachsens Umwelt- und Energieminister Olaf Lies (SPD). Sein Amtskollege aus Schleswig-Holstein, Jan Philipp Albrecht (Grüne), bezeichnete das Booster-Konzept als einen Baustein in die richtige Richtung. «Wir müssen schleunigst zu einem tragfähigen Zielkonzept kommen, wie wir unsere Infrastruktur bis 2045 ausbauen wollen.»
Orsted gibt sich positiv
Mit diesem vorgeschlagenen Ausbaupfad für weitere sechs Gigawatt bis 2032 könnten die deutschen Offshore-Ausbauziele kurzfristig erheblich erhöht werden, betonte der Energiekonzern Ørsted, der in der deutschen Nordsee vier Offshore-Windparks betreibt. Die 231 Windkraftanlagen, mit insgesamt mehr als 1,3 GW, versorgen umgerechnet etwa 1,4 Mio. Haushalte in Deutschland mit Strom. Jörg Kubitza, Ørsted-Geschäftsführer in Deutschland: «Mit diesem Windstrom-Booster-Konzept wird die Energiewende zielgerichtet auf 2045 neu gedacht.» (dpa/lm)



