Im deutschen Stromnetz ist es im Juni mehrfach zu chaotischen Zuständen gekommen, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Demnach konnte die kritische Lage nur mit Hilfe aus den Nachbarländern bereinigt werden. Die vier Netzbetreiber sprachen von einer sehr angespannten Lage, die nur mit Unterstützung der europäischen Partner gemeistert werden konnte.
Die ZfK fragte bei TSCNET Services nach, dem Regional Security Coordinator, der für die Analyse der Netzsicherheit in Zentral- und Osteuropa verantwortlich ist. "Uns sind keine 'chaotischen Zustände' aufgefallen", teilte Geschäftsführer Maik Neubauer mit. Die Netzsicherheit für den Folgetag sei aus Sicht und auf Basis der Netzbetreiber, die man kontinuierlich analysiere, nicht gefährdet gewesen. Vielmehr sei eine "Hilfe" bei Unterdeckung durch Nachbarstaaten ein etablierter Mechanismus, der seit vielen Jahren im integrierten europäischen Strommarkt gelebt werde.
ÜNB: Außergewöhnliche Situation
TSCNET arbeitet dabei als "Frühwarnsystem", das sich aber nicht in die operative Steuerung der Netze im Realtime Betrieb und die Durchführung von Redispatchmaßnahmen der Netzbetreiber einmischt. Derzeit werde das Aufgabenspektrum der Europäischen Regional Security Coordinatoren weiter ausgebaut und pan-europäisch vernetzt, damit sich künftige Engpasssituationen schnell erkennen lassen und die nationalen Netzbetreiber mit geeigneten Maßnahmen Brownouts oder sogar Blackoutsituationen vorbeugen können.
Auch die vier Übertragungsnetzbetreiber bestätigten gegenüber der ZfK, dass die Versorgungssicherheit bei diesen Fällen nicht gefährdet gewesen sei. "Allerdings war die Situation außergewöhnlich und die Systembilanzabweichungen sehr hoch", so eine Pressesprecherin von Tennet.
Hintergrund:
Am 6., 12. und 25. Juni stellten die deutschen ÜNB eine starke Unterspeisung des deutschen Systems fest. Dies führte jeweils zu einem Absinken der Netzfrequenz im gesamten europäischen Verbundnetz.
Der Bedarf an Regelenergie lag an den oben genannten Tagen im Schnitt bei mehr als sechs Gigawatt. Kontrahiert haben die ÜNB insgesamt drei Gigawatt Regelenergie – sowohl Sekundär- als auch Minutenreserve. Daher mussten weitere Maßnahmen ergriffen werden, um entsprechend den festgelegten Prozessen zusätzliche Kapazitäten zu beschaffen, um so das Ungleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch auszugleichen, erklärte eine Pressesprecherin der ÜNB. Dies geschah beispielsweise an der Strombörse, im Ausland und durch sogenannte abschaltbare Lasten, die von Industrieunternehmen zur Verfügung gestellt werden.
Erhöhung der Regelenergie
"Die Lage war sehr angespannt und konnte daher nur mit Unterstützung der europäischen Partner gemeistert werden", erklärte die Pressesprecherin. Als Konsequenz aus den Engpässen haben die ÜNB die Ausschreibungen für Regelenergie, genauer gesagt für die Minutenreserve, zum 29. Juni erhöht. Dies hätte turnusmäßig zum 1. Juli stattgefunden.
Die ungewöhnliche Unterdeckung hatte allerdings auch erhebliche Kursausschläge an der Börse zufolge. Am Abend des 25. seien die Preise um gut das Zwanzigfache auf bis zu 1000 Euro die Megawattstunde geschossen, schreibt die FAZ. Der höchste bezahlte Betrag für Regelenergie belief sich am Samstag demnach sogar auf 37.856 Euro – am Samstag zuvor waren es gerade einmal zehn Euro gewesen. Am Sonntag gab es für eine Megawattstunde Regelenergie immerhin noch bis zu 3900 Euro. Inzwischen beobachte man aber wieder eine Normalisierung, so die ÜNB-Sprecherin.
Prüfungen laufen
Man können als Kunde nur mutmaßen, wie es zur Preisentwicklung kam, teilten die ÜNB der ZfK mit. Grundsätzlich gelte das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Warum es zu der ungewöhnlichen Systembilanzabweichung kam, werde derzeit analysiert. Dabei arbeite man eng mit der Bundesnetzagentur zusammen. Dies werde wohl bis zu acht Wochen in Anspruch nehmen. Marktteilnehmer sehen laut dpa in ungenauen Verbrauchs- und Erzeugungsprognosen einen Grund für die Probleme. Die Stromhändler hätten deshalb zu wenig Strom geordert und sich darauf verlassen, dass genügend Regelenergie vorhanden sei.
Ende des Mischpreisverfahrens?
"Ob es Konsequenzen für Marktteilnehmer oder die Methodik der Bilanzkreisabrechnung geben wird, wäre zu diesem Zeitpunkt auch eine Spekulation, an der wir uns nicht beteiligen wollen", so die ÜNB-Pressesprecherin. Zuvor hatte die Netzexpertin der Grünen, Ingrid Nestle, bemängelt, dass es sich hier um ein regulatorisches Versäumnis der Bundesregierung handle. "Fachleuten war dies bereits seit der Umstellung der Regelenergie-Ausschreibung auf das Mischpreisverfahren bekannt und sie haben laut Alarm geschlagen", so die Sprecherin für Energiewirtschaft bei den Grünen.
In der Kritik der Grünen steht das Mischpreisverfahren, das seit Oktober 2018 gilt und Folge der Mondpreise an den Regelenergiemärkten am 17. Oktober 2017 war. Im Mischpreisverfahren setzen sich die Zuschlagswerte für die Sekundär- und die Minutenreserve aus einem Leistungswert und einem Arbeitswert zusammen. Seitdem würde Regelleistung häufiger abgerufen werden, lautet die vielerorts geäußerte Kritik.
So wies etwa Next Kraftwerke auf deutliche Preissteigerungen nach den ersten zwei Monaten der Einführung des Verfahrens hin. Die Leistungspreise hätten sich um den Faktor 7 erhöht. Zudem würde die Zahl extremer Netzsituationen steigen, in denen 80 Prozent der Regelenergie abgerufen wurden. Die finanziellen Anreize, systemdienlich zu handeln, hätten sich mit dem System für Bilanzkreisverantwortliche deutlich reduziert, kritisiert das Kölner Unternehmen.
Regelarbeitsmarkt soll Mischpreisverfahren ablösen
Die Bundesnetzagentur hatte außerdem Ende Februar ein Konsultationsdokument für den Regelarbeitsmarkt vorgestellt, welches das umstrittene Verfahren ersetzen soll. Gebote müssten dem Vorschlag zufolge dann künftig nur noch Leistungspreise in Euro/MW enthalten. Bei gleichen Leistungspreisen würde das zuerst eingereichte Gebot den Zuschlag erhalten. Zudem soll der Arbeitspreis in Euro/MWh freiwillig ergänzt werden können, so ein weiterer Vorschlag. (sg)
- Mehr zu den Hintergründen des Mischpreisverfahrens lesen Sie unter: Was am 14. Dezember passierte (https://www.zfk.de/artikel/was-am-14-dezember-passierte-2019-02-01/)
