Herr Winkler, der Edna Bundesverband Energiemarkt & Kommunikation und EVU+ fordern, das Redispatch 2.0 zu verschieben. An was hapert es denn?
Rüdiger Winkler, Geschäftsführer des Edna Bundesverband Energiemarkt & Kommunikation: Mit näher rückendem Startschuss für das Redispatch 2.0 wurde klar, dass der Stammdatenaustausch zwischen Marktbeteiligten, besonders den Einsatzverantwortlichen und Verteilnetzbetreibern, nicht so reibungslos vor sich geht, wie gewünscht und erforderlich. Das ist fast ein Déjà-vu – man erinnert sich an die Geburtswehen des Marktstammdatenregisters! Aber nicht nur das, Verzögerungen und Risiken resultieren auch aus der Bilanzkreisbewirtschaftung. Wie selbst der BDEW einräumt, erscheint »insbesondere ein koordinierter Übergang der Verantwortung für die Beschaffung des bilanziellen Ausgleichs vom Bilanzkreisverantwortlichen (BKV) des Lieferanten der betroffenen Anlage (gegenwärtig verantwortlich) an den anfordernden Netzbetreiber (künftig verantwortlich) zum 1. Oktober 2021 als praktisch nicht umsetzbar«.
Die Verbraucherzentrale kritisiert, dass die 800 Verteil- und vier Übertragungsnetzbetreiber es nicht schaffen, das Redispatch 2.0 zu implementieren. Dabei habe man es nur mit einem System zu tun, das nicht funktioniere. Zudem wird mangelnde Transparenz etwa bei den Verbänden BDEW, VKU, BNE und dem Bundeswirtschaftsministerium beklagt. Ist das nach dem Smart-Meter-Rollout die nächste digitale Blamage?
Nein, da widerspreche ich massiv! Das System wird definitiv funktionieren, nur wurde vielleicht die Komplexität unterschätzt. Mit ein wenig mehr Zeit bekommt die Branche das zu 100 Prozent in den Griff. Wenn ich sehe, mit wieviel Engagement die Verantwortlichen beim BDEW und vor allem die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen in den Projektgruppen darum kämpfen, alles fristgerecht in den Griff zu kriegen und auch dann nicht einfach hinschmeißen, wenn kurzfristig wieder regulatorisch Änderungen veranlasst werden, dann ziehe ich den Hut vor dieser Kompetenz und Energieleistung.
Auch Verteilnetzbetreiber gaben in einer Edna-Umfrage an, dass das Redispatch den größten Umsetzungsaufwand, als auch den größten Bürokratieaufwand verursache. Zugleich hat das Redispatch 2.0 die größte Relevanz für die Unternehmen. Bei den meisten regiert allerdings das Prinzip Hoffnung, noch rechtzeitig mit der Umsetzung fertig zu werden. Es liegt also nicht nur daran, dass auch die Lösung noch nicht feststeht, sondern auch die Verteilnetzbetreiber Probleme mit der Umsetzung haben?
Das war in der Tat das Ergebnis einer Umfrage, die wir durchgeführt haben. Über fehlende Vorgaben hinaus sind von den Marktteilnehmern schließlich eine Fülle neuer Aufgaben zu erfüllen. Um nur einige Beispiele zu nennen: Analyse der RD 2.0-Anforderungen an das eigene Geschäft, welche neuen Daten benötige ich, die mir derzeit nicht zur Verfügung stehen, erfülle ich die notwendigen Standards für Kommunikation und Datenaustausch, Datenaustauschprozess zwischen Netzbetreibern und Anlagenbetreibern definieren, etc. Und das ist meist verbunden mit der Frage „make or buy“ – wobei sich die Frage stellt, wenn Dienstleister, mit wem soll ich das machen?
Wie sieht es bei den Energiemarktdienstleistern aus, sehen diese das Redispatch 2.0 noch als händelbar bis 1. Oktober an? Wenn die Prozesse noch nicht feststehen, können die Dienstleister ja auch schlecht die entsprechenden Prozesse definieren?
Ganz genau! Die im Edna-Bundesverband organisierten Software-Hersteller, Berater und Dienstleister stehen quasi Gewehr bei Fuß – sie sind bestens gerüstet, brauchen aber klare Vorgaben. Darüber hinaus hat der BDEW als Hilfestellung für die Marktteilnehmer eine Liste von Dienstleistern veröffentlicht, so dass auch die Rolle des EIV oder BTR dem Grunde nach ab 1.10. dienstleistend übernommen werden könnte.
Sie raten dazu, das Redispatch 2.0 mindestens auf den 1. April zu verschieben. Warum ist es den Ministerien und Behörden so wichtig, am 1. Oktober zu starten?
Der Start zum 1. Oktober ist seit 13. Mai 2019 im »NABEG 2.0« festgelegt, daher kommt der Druck. Aber wer konnte damals absehen, dass eine Pandemie die üblichen Zeitbedarfe für die Entwicklung und Implementierung von Prozessen und Formaten völlig über den Haufen wirft? Wie schon beim Messstellenbetriebgesetz und der leidigen Diskussion um Smart Meter Gateways hätte eine Gesetzesänderung oder wenigstens Öffnung die gesamte Situation entschärft. Jetzt wird händeringend versucht, mit Provisorien einen Start zu simulieren, damit dem Gesetz genüge getan ist.
Wie bewerten Sie die Übergangslösung des BDEW. Können jetzt alle pünktlich starten?
Und wieder sprechen wir in dieser Übergangslösung von einem Zielmodell, der Weg dahin wird dieses Mal hoffentlich mit weniger Friktionen verbunden sein als in der Marktkommunikation. Was hier kommt, ist Redispatch mit der Brechstange. Dafür kann der BDEW rein gar nichts – er ist wieder einmal nur Überbringer der schlechten Nachrichten. Dennoch! Tatsächlich wird Deutschland zum Reallabor »Redispatch«. Die Kosten sind erheblich und müssen am Ende des Tages von allen Bürgern getragen werden.
Das Interview führte Stephanie Gust
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