Herr Geyer, der VDE und auch der BDEW sprechen davon, dass es sich bei Oranienburg um einen Einzelfall handelt. Wie sehen sie das?
Olaf Geyer: Ich denke auch, dass Oranienburg in dieser Form ein Sonderfall ist. Ich kenne einige Stadtwerke mit ähnlichen Strukturen, da hieß es noch nie: „Wir können überhaupt keine Verbraucher mehr ans Netz anschließen“. Dort müssen bereits heute Teilbereiche des Netzes verstärkt werden. Da kann es auch schon passieren, dass es drei bis sechs Monate dauert, bis eine PV-Anlage ans Netz geht. Das bezieht sich aber nie auf das gesamte Netzgebiet. So etwas wie Oranienburg habe ich tatsächlich noch nie gehört
Was ist denn überhaupt schief gelaufen in Oranienburg?
In Oranienburg ist es nicht gelungen das Verteilnetz im erforderlichen Maße zu verstärken und dann ist noch ein Umspannwerk nicht rechtzeitig fertig geworden. Solche Umspannwerke sind häufig wichtig für die Versorgungssicherheit, denn bei den meisten Verteilnetzbetreibern ist die Verbindung zum übergeordnete Transportnetz ein wichtiger Baustein der Versorgungssicherheit. Hier findet der Ausgleich des Energiesystems in der nächsten Spannungsebene statt. Was der Grund für die Verzögerung ist kann ich nicht sagen, jedoch stellen die unzureichende Verfügbarkeit von Tiefbaukapazitäten und Lieferzeiten von Anlagen und Material von bis zu 72 Wochen Netzbetreiber vor erhebliche Herausforderungen. Jedoch weiß man das schon seit längerem.
72 Wochen ist aber ganz schön lang?
Das ist richtig. Der Markt hat sich vom Käufer- zum Verkäufermarkt entwickelt und eine Besserung ist nicht in Sicht. Zum Beispiel übersteigt im TSO- Bereich die geplante Nachfrage eines einzigen TSO nach Schlüsselkomponenten bereits das weltweit verfügbare Angebot. Das ist sicherlich ein extremes Beispiel, aber auch bei DSO dominieren große Player den Markt.
Hier gilt es auf Basis von langfristigen Zielnetzplanungen, langfristige und zuverlässige Partnerschaften zur Absicherung der Supply Chain einzugehen. Das gilt für große wie für kleine Netzbetreiber. Es wird derzeit noch zu viel kurzfristig gearbeitet.
Was würden Sie Stadtwerken insgesamt raten, damit sich so ein Fall nicht wiederholt?
Die Notwendigkeit, die Netze auszubauen, ist durch die Energiewende in Form von Zubau von Erneuerbaren sowie den Anschluss von E-Ladesäulen und Wärmepumpen offensichtlich. Wer jetzt nicht seine langfristige Netzplanung macht, bekommt früher oder später Probleme. Wichtig ist eine langfristige Zielnetzplanung. Und hier muss man noch weiter nach vorne sehen als die typischen drei bis fünf Jahre. Ich muss noch strategischer planen und die Maßnahmen dann auch systematisch und konsequent umsetzen. Denn bereits heute werden in Teilen nicht alle geplanten Maßnahmen umgesetzt.
Oft mangelt es aber auch an den personellen Kapazitäten?
Das stimmt, bei kleinen Netzbetreibern macht der technische Leiter „Asset-Management“ und die Planung in einer Person. Wenn der Netzausbau dann nicht priorisiert wird, bekommt man schnell Probleme. Unterstützung von spezialisierte Dienstleister ist auch immer eine Option.
Bleibt zu hoffen, dass durch Oranienburg nicht wieder die Diskussion aufkommt, dass 900 Netzbetreiber zu viel sind für Deutschland?
Bei Oranienburg handelt es sich um einen Sonderfall, indem man nicht vorausschauend geplant hat. Das hätte man verhindern können. Ich sehe aber auch, dass die Herausforderungen für Netzbetreiber immer größer werden. Fachkräftemangel, zunehmende regulatorische Anforderungen, Verkäufermarkt bei Material und Dienstleistungen sowie der Finanzierungsbedarf sind nur einige davon. Als Antwort darauf, sehen ich derzeit eine zunehmende Kooperationsbereitschaft. Mit Kooperationen können insbesondere kleinere Netzbetreiber den Herausforderungen begegnen. Ich bin kein Fan von größtmöglichen Einheiten, aber es sollten tatsächlich keine kleinstmöglichen sein.
Die Fragen stellte Stephanie Gust
