Extremwetter könnten auch am deutschen Strommarkt zu extremen Situationen führen.

Extremwetter könnten auch am deutschen Strommarkt zu extremen Situationen führen.

Bild: © Michael Reichel/dpa

Was, wenn eine Kältefront über Deutschland zieht, Windräder stillstehen und die Sonne hinter den Wolken verschwindet? Dann dürften auch künftig wetterunabhängige Notreserven wie Öl- oder Gaskraftwerke gefragt sein. Sie reagieren nämlich schnell und flexibel.

Deutschland dürfte im Jahr 2050 bis zu zehn Gigawatt an flexiblen Kraftwerken benötigen, hat das Energiemarktanalyseunternehmen Aurora Energy Research in einer neuen Studie errechnet. Diese Anlagen kämen nur dann zum Einsatz, wenn der Bedarf hoch und gleichzeitig die Stromerzeugung etwa von Solar- oder Windkraftwerken sehr niedrig ist.

Versorgung bei Extremwetter sicherstellen

"Wenn wir die verbrauchsseitigen Flexibiliserungen voll ausreizen — von E-Autos über Wärmepumpen bis hin zum industriellen Strombedarf —, dann brauchen wir nur fünf Gigawatt zusätzliche flexible Kraftwerke", erklärt Kornelia Stycz, Energieexpertin bei Aurora und Autorin der Studie. "Wenn wir uns umgekehrt nur auf die Erzeugungsseite verlassen, werden wir die zehn Gigawatt vorhalten müssen, um die Versorgung bei Extremwetter sicherzustellen."

Für ihre Studie haben die Aurora-Experten den Bedarf an flexibler Kraftwerksleistung in Jahren mit durchschnittlichem Wetter und solchen mit Extremwetterereignissen verglichen. Es zeige sich, dass die zehn Gigawatt an zusätzlicher Kapazität in den meisten Jahren gar nicht zum Einsatz kämen, schreiben sie. Im Mittel seien es pro Jahr weniger als zehn Stunden.

Extrempreise für Wirtschaftlichkeit nötig

"Um in diesen kurzen Einsatzzeiten die Kosten zu erwirtschaften, braucht es Börsenstrompreise von 10.000 Euro und mehr pro Megawattstunde", sagt Lukas Bunsen, Leiter der Forschungsabteilung Zentraleuropa bei Aurora. "Wie die Ereignisse in Texas gezeigt haben, gibt es in Zeiten der Knappheit durchaus solche Preise. Allerdings ist ihre Eintrittswahrscheinlichkeit kaum berechenbar, zumal schon kleine Änderungen in den Rahmenbedingungen oder im Marktdesign deutlichen Einfluss auf die Preissetzung haben können. Daraus entsteht ein erhebliches Investitionsrisiko für Anlagenbetreiber."

Die Studienautoren fordern deshalb politische Vorgaben, die langfristig einen verlässlichen Rahmen böten: Denn damit die Kraftwerksbetreiber genug in flexible Kapazitäten für Extremwetterlagen investieren, müssten sie darauf vertrauen können, dass der Strommarkt über die gesamte Lebensdauer der Anlagen wie geplant funktioniert und die entsprechenden knappheitsbedingten Preisaufschläge für den erzeugten Strom auch erzielt würden.

Politik in Pflicht

"Das heißt, die Politik muss sich klar zu einem Marktdesign bekennen — sei es ein reiner Energie- oder ein Kapazitätsmarkt – und dafür unter anderem auch die Frage klären, ob und wie die 2014 eingeführte Kapazitätsreserve in den kommenden Dekaden fortgeführt wird" sagt Bunsen.

"Dies gilt umso mehr, als unsere Studie sich auf die momentan gültigen Pläne der Regierung zum Erneuerbaren-Ausbau bezieht. Wenn diese an das erklärte Ziel der Klimaneutralität bis 2050 angepasst werden, brauchen wir noch mehr flexible Kraftwerkskapazitäten. Umso wichtiger sind die entsprechenden Rahmenbedingungen." (ab)

Korrektur: In einer ersten Version stand, dass künftig auch fossile Reserven gefragt sein dürften, etwa Öl- und Gaskraftwerke. Tatsächlich könnten und werden vermutlich auch besagte Anlagen beispielsweise mit Biogas, Wasserstoff oder E-Fuels betrieben werden.

Siehe auch: Stürmischer Strommarkt: Negativpreise am Ende eines wilden Ritts

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