Der Netzausbau hinkt in Deutschland stark hinter den Vorgaben her. Der Widerstand innerhalb der Bevölkerung gegen Neubauprojekte ist groß.

Der Netzausbau hinkt in Deutschland stark hinter den Vorgaben her. Der Widerstand innerhalb der Bevölkerung gegen Neubauprojekte ist groß.

Bild: © Uwe Schlick/pixelio.de

Erst jüngst hat die Bundesregierung ihre Klimaziele nachjustiert: Bis 2030 soll der Anteil der Erneuerbaren im Stromnetz auf mindestens 65 Prozent ansteigen. Gleichzeitig wurden allein in Hamburg und Berlin im Jahr 2017 rund 641 GW Windkraft abgeregelt. Eine Praxis, die offensichtlich nicht zum Zielkorridor passt und dennoch aufgrund der Netzstabilität nötig ist. Dass sich diese Kluft schließen lässt, will ein Konsortium rund um den Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz mit einer neuen Flexibilitätsplattform beweisen.

Über 70 Partner aus den neuen Bundesländern haben zwei Jahre lang an Windnode gearbeitet. Nun startet das Angebot, das vom Bundeswirtschaftsministerium im Rahmen des Förderprogramms „Schaufenster intelligente Energiewende – Digitale Agenda für die Energiewende“ (SINTEG) subventioniert wird, in die Testphase. Bis 2020 soll erprobt werden, wie intelligentes Lastmanagement Überkapazitäten im Netz nutzbar macht, statt Erneuerbare abzuregeln. 

Bilanzielle Kapazitäten bringen auf Verteilnetzebene wenig

Für Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) gehört es zum Daily Business: sie sind ständig damit beschäftigt, Energieangebot und Nachfrage in Einklang zu bringen, um die Netzfrequenz stabil zu halten. Während 50Hertz, Tennet und Co. hierfür auf das Regelleistungsangebot und die jeweiligen Bilanzkreise zugreifen können, gestaltet sich die Aufgabe auf Verteilnetzebene schon schwieriger. Im Fall von Netzengpässen besteht dort nur die Möglichkeit, erneuerbare Energien abzuregeln, erklärt Thomas Schäfer, Technischer Geschäftsführer bei Stromnetz Berlin. Für den Ausfall werden die Netzbetreiber von den Erzeugern zur Kasse gebeten, was letztlich wiederum auf den Endverbraucher umgelegt wird.

Windnode soll den Verteilnetzbetreibern nun die Chance bieten, punktuell auf lokale Flexibilitäten zuzugreifen. Ihnen bringen überregionale Bilanzkreise mit virtuellen Leistungsmengen wenig, wenn sie lokalspezifische Lastanpassungen vornehmen müssen. Dann sind konkrete Lastnehmer vor Ort gefragt, so Schäfer weiter. Und genau die liefert das Angebot von 50 Hertz, denn auf der Online-Plattform können sich sämtliche Anlagenbetreiber registrieren und nach einer Präqualifizierung Lastangebote abgeben.

Begleitprozesse verschieben oder intensivieren

Wie das in der Praxis aussieht, beweisen Siemens und die Schwarz-Gruppe. Sowohl der Technologiekonzern als auch der Handelsriese haben ihren Betrieb auf Flexibilitätsoptionen überprüft. Vier Berliner Siemens Werke liefern künftig von 50 kW bis vier MW an Aufnahmekapazitäten. Dazu werden produktionsbegleitende Prozesse zeitlich verschoben oder zu gewissen Zeiten intensiviert, um Einspeisespitzen zu kappen. Die Schwarz-Gruppe wiederum will 65 kW pro Filiale zur Verfügung stellen. Kühlhäuser bei Lidl oder Kaufland können in erzeugungsreichen Zeiten stärker als sonst heruntergekühlt werden und so das Netz entlasten. Auch die Ladezeit von Flurförderfahrzeuge kann zeitlich angepasst werden. Bei knapp 4000 Standorten in Deutschland ergeben sich so mehrere 260000 kW.

Letztlich erleichtert Windnode den Job der Verteilnetzbetreiber, für Stabilität in ihren Netzen zu sorgen und eröffnet für Industriebetriebe, Speicher- und Anlagenbetreiber neue Vermarktungskonzepte, was im besten Fall auch der Endverbraucher bei seiner Kostenabrechnung zu spüren bekommt. (ls)

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