Der Netzentwicklungsplan 2037/2045 (NEP) beschreibt erstmals ein Stromnetz, mit dem Klimaneutralität bis 2045 erreicht werden kann, erklärten die vier Übertragungsnetzbetreiber Amprion, TransnetBW, 50Hertz und Tennet in einer gemeinsamen Mitteilung.
Die vier ÜNB gehen davon aus, dass sich wegen des Verzichts auf Kohle, Öl und Erdgas der jährliche Stromverbrauch in Deutschland bis 2045 auf über 1000 Terawattstunden verdoppelt. Zur Deckung rechnet der Plan mit einer Verfünffachung der installierten Leistung aus erneuerbaren Energien auf rund 700 Gigawatt im Jahr 2045. «Sie zu integrieren und einen sicheren Netzbetrieb zu ermöglichen erfordert weiteren Netzausbau.»
Konkrete Ziele
Der Plan sieht insgesamt 14 200 Kilometer neue Trassen vor, davon gut 5700 Kilometer an Land und knapp 8500 Kilometer auf See. Die Übertragungsnetzbetreiber halten an Land unter anderem fünf neue Gleichstromverbindungen für nötig, vier in Nord-Süd-Richtung und eine in West-Ost-Richtung. An Land sollen die neuen Trassen vorwiegend in bereits bestehende Trassen eingefügt werden.
Die Kosten für die im Entwurf neu identifizierten Projekte beziffern die Übertragungsnetzbetrieber auf über 128 Milliarden Euro, knapp ein Drittel davon für Leitungen an Land. Das aktuelle Höchstspannungsnetz hat eine Länge von über 35 000 Kilometern. In Planung und Bau waren Ende September 2022 knapp 12 000 Kilometer.
Besondere Rolle der Sektorenkopplung
Die Bedeutung der Sektorenkopplung für die Dekarbonisierung wird in diesem NEP so deutlich wie in keinem seiner Vorgänger. Im Vergleich zu früheren NEP sind auch die Annahmen zum Umfang des Einsatzes von Wasserstoff deutlich gestiegen.
Bereits 2037 wird eine umfassende Wasserstoffinfrastruktur unterstellt, deren Ausgestaltung sich auf den Entwicklungsbedarf des Stromübertragungsnetzes auswirkt. Der neue NEP geht davon aus, dass Elektrolyseure dort errichtet werden, wo sie netzdienlich sind.
Insgesamt müsse die Infrastruktur von Strom, Gas und Wasserstoff künftig stärker aufeinander abgestimmt geplant werden.
Beschleunigung notwendig
Für das Gelingen der Energiewende halten die vier Netzbetreiber eine weitere Beschleunigung des Netzausbaus für zentral. Der geplante massive Zuwachs an erneuerbaren Energien wirke erst dann, wenn der grüne Strom zu den Verbrauchern transportiert werden könne. Gleichzeitig sei es das politische Ziel, den Stromsektor bis 2035 vollständig zu dekarbonisieren. «Die meisten der für 2045 ermittelten Maßnahmen werden daher bereits 2037 benötigt.»
Innovative Betriebsmittel geplant
Dadurch steigen auch die Anforderungen an einen zuverlässigen Netzbetrieb. Dem wollen die ÜNB mit innovativen Betriebsmitteln wie Netzboostern und modernen Systemführungskonzepten begegnen.
Eine zusätzliche Innovation sollen weitere Maßnahmen zu vermaschten DC-Strukturen an Land wie auch von Offshore-Maßnahmen untereinander sein. Das sorge für die nötige Flexibilität im Netzbetrieb und hilft bei der Integration erneuerbarer Energien.
Der NEP-Entwurf steht nun zur Diskussion. Nach einem mehrstufigen Verfahren wird die Bundesnetzagentur als Aufsichtsbehörde Anfang 2024 eine Vorhabenliste an das Bundeswirtschaftsministerium übermitteln. Sie dient dann als Grundlage für eine Neufassung des Gesetzes, in dem die Vorhaben festgeschrieben werden.
"Klimaneutralität tatsächlich erreichbar"
«Es ist völlig klar, dass wir für ein klimaneutrales Deutschland bis 2045 einen umfangreichen weiteren Ausbau im Stromnetz brauchen», erklärte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller.
Er unterstrich die Bedeutung des vorgelegten Entwurfs: «Wir haben jetzt erstmals ein klares Zielbild eines Höchstspannungsnetzes, mit dem Klimaneutralität nicht nur ein Versprechen, sondern tatsächlich erreichbar wäre.» Seine Behörde werde die Vorschläge sehr sorgfältig prüfen, bevor sie verbindlich würden. (sg)



