Kann das Stromübertragungsnetz den geplanten Kohleausstieg verkraften? Welchen Einfluss hat die Sektorenkopplung auf den Netzausbau? Und was passiert, wenn alle Elektroauto-Besitzer in zwanzig Jahren ihre Fahrzeuge gleichzeitig an die Steckdose hängen?
Die Stromnetze müssen in den kommenden Jahren ausgebaut werden. Dafür hat die Bundesnetzagentur den Szenariorahmen Strom genehmigt, der wiederum die Grundlage für den nächsten Netzentwicklungsplan Strom 2021-2035 bildet. In vier Szenarien werden darin Prognosen für das Stromnetz der Zukunft erstellt. „Die Übertragungsnetzbetreiber sind nun gefordert, auf der Grundlage dieser neuen Annahmen konkrete Netzausbauvorhaben zu ermitteln und vorzuschlagen“, erklärt Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur.
Anspruchsvollere Annahme bei Kohleausstieg
Schwerpunkt bei den Annahmen ist der geplante Abschied von der Kohle. Das „Kohleverstromungsbeendigungsgesetz“ sieht einen Ausstieg bis spätestens 2038 vor. Im Szenariorahmen wird in zwei Szenarien unterstellt, dass der Kohleausstieg schon bis zum Jahr 2035 gelingt. Diese aus Netzsicht anspruchsvollere Annahme soll sicherstellen, dass das Übertragungsnetz die massiven Veränderungen bewältigen kann.
Wichtig in den Szenarien ist auch der Einfluss der Sektorenkoppelung. Dabei ersetzen erneuerbare Energien über den Stromsektor hinaus auch in anderen CO2-produzierenden Sektoren fossile Energieträger. Dies führt insgesamt zu einem steigenden Stromverbrauch trotz Berücksichtigung von maßgeblichen Effizienzsteigerungen. So spiegelt der Szenariorahmen etwa die Ziele der Bundesregierung wider, in Deutschland bis 2030 bis zu 5 GW und spätesten bis 2040 weitere 5 GW Elektrolysekapazitäten zu errichten. Auch wurden neue Großverbraucher, die sich aus der Digitalisierung oder Dekarbonisierung ergeben, bei der Ermittlung des Strombedarfs berücksichtigt.
Nutzerverhalten könnte Ausbaubedarf senken
Es kann aber auch gegenläufige Tendenzen geben, die das Netz entlasten und den Ausbaubedarf reduzieren. Die Bundesnetzagentur begrüßt nach eigenen Angaben den Vorschlag der Übertragungsnetzbetreiber, die Weiterentwicklung der Energiewende mit einer Netzorientierung von Nutzerverhalten zu kombinieren.
Dazu könnte etwa die Regionalisierung von Stromerzeugern wie Windanlagen oder Verbrauchern wie Power-to-Gas-Anlagen gehören. Entlastend könnte aber auch netzorientiertes Einsatzverhalten etwa beim Laden von E-Autos wirken. Wenn es gelingt, durch Vorgaben tatsächlich eine Netzorientierung einzuführen, trage dies ebenso wie die erneute Berücksichtigung der innovativen Netzbetriebsmittel zur Reduzierung des Netzausbaubedarfs bei, heißt es bei der Regulierungsbehörde.
Basis für den Netzentwicklungsplan
Auf Basis des Szenariorahmens Strom sollen die Übertragungsnetzbetreiber bis zum Jahresende einen ersten Entwurf des Netzentwicklungsplans Strom erstellen. (wa)