Ein nationaler CO2-Mindestpreis für Strom, der bereits in einen EU-weiten Emissionshandel eingebunden ist — ist das notwendig und rechtlich zulässig? Das Öko-Institut bejaht beides. Für die Stiftung Klimaneutralität hat die Forschungseinrichtung untersucht, wie das gelingen könnte. Die ZfK hat mit Mitautor Hauke Hermann gesprochen.
Herr Hermann, der CO2-Preis scheint sich schon jetzt konstant über der 50-Euro-Marke zu bewegen — Tendenz wohl steigend. Braucht es da wirklich noch einen Mindestpreis von 50 Euro pro Tonne CO2, wie das Öko-Institut vorschlägt, zumal dieser Mindestpreis erst 2025 kommen soll?
Ich finde schon. Die aktuelle Entwicklung könnte die Einführung eines Mindestpreises in gewisser Weise sogar erleichtern. Schließlich geht es nun nicht mehr darum, den Preis in bislang ungekannte Höhen zu treiben, sondern ihn nach unten hin abzusichern. CO2-Preise sind volatil. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es auch hinuntergehen kann, wenn wir beispielsweise in eine neue Wirtschaftskrise rutschen sollten oder die Gaspreise wie noch vor einem Jahr deutlich fallen. Da gilt es, für den Ausbau erneuerbarer Energien Investitionssicherheit zu schaffen. Umso besser aber, wenn der Mindestpreis erst gar nicht greifen muss, weil die CO2-Preise deutlich höher notieren.
Will Deutschland die verschärften Klimaziele der Bundesregierung erreichen, muss es wahrscheinlich früher raus aus der Kohle. Ab welchem CO2-Preis werden Kohlekraftwerke denn unwirtschaftlich?
Ziel unseres Vorschlags ist es tatsächlich, die ambitionierteren Emissionsminderungsziele der Energiewirtschaft zu erreichen. Weil im Bereich der Kohleverstromung große Emissionsminderungspotenziale bestehen, haben wir hier die Kosten im Detail angeschaut. Wir haben vor allem Braunkohlekraftwerke untersucht, die die geringsten Grenzkosten haben und nach dem Kohleverstromungsbeendigungsgesetz am längsten am Netz bleiben sollen. Wir haben dabei zwischen älteren (zwischen 1974 und 1989 in Betrieb genommenen) und neueren Kraftwerken unterschieden. Unsere Berechnungen haben ergeben, dass ältere Braunkohlekraftwerke bei CO2-Preisen von mehr als 40 Euro bei aktuellem Strompreisniveau nicht im Ansatz ihre Fixkosten decken können. Modernere Kraftwerke sind da wegen ihres höheren Wirkungsgrads und ihrer niedrigeren Betriebskosten besser aufgestellt. Sie erwirtschaften auch bei CO2-Preisen von aktuell deutlich mehr als 40 Euro pro Tonne noch ausreichende Deckungsbeiträge.
Und ab wann rentiert sich auch der Betrieb moderner Kraftwerke nicht mehr?
Abhängig vom Strompreisumfeld dürfte es für sie bei CO2-Preisen von mehr als 45 Euro immer schwieriger werden. Dann könnten auch bei neueren Blöcken die Fixkosten kaum mehr gedeckt werden.
Trotzdem wollen sie einen Mindestpreis nicht etwa von 46, sondern von mindestens 50 Euro, im Jahr 2030 sogar von 65 Euro pro Tonne CO2 einziehen. Warum so viel?
Die notwendigen CO2-Preise für Emissionsminderungen hängen auch immer vom Strompreisniveau ab. Man kann aber nicht davon ausgehen, dass die Strompreise 2030 genauso aussehen werden wie aktuell. Wir rechnen eher damit, dass sie in den nächsten Jahren tendenziell nach oben gehen.
Was bedeutet das für die Wirtschaftlichkeit der Braunkohle?
Man kann sagen, dass neuere Braunkohlekraftwerke eine Steigerung der CO2-Preise um 10 Euro pro Tonne mitmachen können, solange der Strompreis ebenso um 10 Euro pro MWh steigt. Vor diesem Hintergrund haben wir einen jährlichen Anstieg des CO2-Mindestpreises vorgeschlagen.
Der CO2-Preis im Stromsektor gilt nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa. Warum aber sollte die Bundesrepublik im Alleingang einen Mindestpreis einziehen — womöglich zulasten der eigenen Energiewirtschaft?
Natürlich wäre uns ein gemeinsames europäisches Vorgehen lieber. Wir plädieren auch dafür, dass die Einführung eines nationalen CO2-Mindestpreises durch politische Gespräche mit den Nachbarländern begleitet wird. Wir hoffen zudem, dass westeuropäische Länder wie die Niederlande oder Frankreich mitziehen. Denn einer muss den Anfang machen.
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Dabei wäre selbst ein CO2-Mindestpreis von 65 Euro bei weitem nicht genug, Deutschland klimaneutral zu machen. Dafür wäre wohl noch ein weiterer Brennstoffwechsel vonnöten: der von Erdgas zu Wasserstoff.
Wir haben uns auch angesehen, wie hoch der CO2-Preis dann sein müsste und sind im Falle von blauem Wasserstoff auf 125 Euro pro Tonne gekommen. Bei grünem Wasserstoff liegt er noch höher. Das zeigt: Der Weg zu einem klimaneutralen Stromsektor ist noch weit, wenn auch nicht so weit wie der im Verkehrs- oder Gebäudesektor.
Die Fragen stellte Andreas Baumer
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