Der Handel mit Herkunftsnachweisen (HKN) – in Europa die meistgenutzte Möglichkeit, Erneuerbare-Energien-Anlagen vertrieblich zu vermarkten – ist im vergangenen Jahr gegenüber 2017 mit Sicherheit von 470 auf 499 Mrd. kWh gewachsen. Dies teilte der norwegische Dienstleister Ecohz am Montag mit. Er beruft sich dabei auf Zahlen der HKN-Registerorganisation AIB und schätzt, dass aus dem noch nicht vom Umweltbundesamt (UBA) gemeldeten vierten Quartal aus Deutschland 10 Mrd. kWh Handelsvolumen hinzukommen, so dass die halbe Milliarde sicher überschritten werde.
Damit setzt sich das Marktwachstum seit 2002 stetig fort, als europaweit noch lediglich 5 Mrd. kWh HKN über den Tresen gingen. Haupttreiber waren 2018 laut Ecohz:
- geografisch eine Rekordnachfrage in Holland, Frankreich, der Schweiz und Italien und ein "robustes" Wachstum in den Hauptmärkten. Allein in Frankreich wuchs der Markt gegenüber 2017 von 21 auf 33 Mrd. kWh.
- von den Nachfrager-Gruppen her die Unternehmen. Ecohz erwähnt die Unternehmens-Initiativen "We mean Business" und "RE100". Die 161 Mitgliedsfirmen von RE 100 haben sich öffentlich dazu verpflichtet, nur noch Ökoenergie zu verbrauchen.
Windkraft wächst stark
Die Dominanz der nordischen Wasserkraft-HKN, die immer noch im Schnitt für 2,29 Euro pro MWh weggingen, relativierte sich dabei:
- Gelöschte, also vertrieblich verwertete HKN für europäische Windkraft stiegen gegenüber 2017 von 89 auf 106 Mrd. kWh.
- Bei Biomasse war es ein Anstieg von 28 auf 44 Mrd. kWh.
- Geothermie trug 6 Mrd. kWh bei, nach knapp 4 Mrd. kWh.
- Nur Solarstrom ging zurück: von 23 auf 20 Mrd. kWh.
HKN kosteten 2018 im Mittel 1,30 Euro pro MWh. Viele Jahre waren sie Ramschpapiere für ein paar Cent. Das System funktioniert am typischen Beispiel eines Wasserkraftwerks in einem norwegischen Fjord so: Der Betreiber – nennen wir ihn zufällig Statkraft – verkauft die Jahresproduktion der Talsperre als Graustrom an der Börse Nordpool Spot. Er wird für dieses Wasserkraftwerk nicht staatlich gefördert. Aus diesem Grund erhält er für die Erzeugungsmenge eine gleiche Anzahl HKN im norwegischen HKN-Register.
So funktioniert der HKN-Handel
Auf dem HKN-Markt verkauft Statkraft dann direkt oder über Zwischenhändler HKN an das deutsche Stadtwerk Beispielhausen, und zwar so viel, dass der Kommunalversorger den Verbrauch seiner Ökostromkunden im selben Jahr abdeckt. Das norwegische Register überträgt die HKN dann ins deutsche Register beim UBA. Dieses schreibt sie dem Stadtwerk gut. Bis zum Jahresende muss das Stadtwerk oder sein Dienstleister für die tatsächlich vertriebene Ökostrommenge im Register HKN entwerten.
Dafür darf das Stadtwerk den Strom vertrieblich auch "Ökostrom" oder "aus europäischer Wasserkraft" nennen. Vor allem darf es in der "Stromkennzeichnung" jährlich nachlaufend zum November gegenüber den Kunden und auf der Website behaupten, ihnen 100 Prozent Ökostrom verkauft zu haben. Der norwegische Strommix wandelt sich durch diesen bilanziellen Export, der nichts mit physischen Ausfuhren zu tun hat, von den tatsächlichen 97 Prozent Wasserkraft auf fast die Hälfte fossile Herkunft und zwölf Prozent Kernkraft, obwohl Norwegen keinen einzigen Meiler hat.
HKN aus Deutschland selbst sind derzeit noch kaum zu bekommen, da die meisten hiesigen Erneuerbaren-Anlagen in der Fixförderung oder der Marktprämie sind und daher keine HKN erhalten.
"Greenwashing" versus "Ausbau auf Teufel komm raus"
Der "Spiegel" und manche Grünenergievertriebe kritisierten dieses System vor Jahren als "Greenwashing von Graustrom". Der Nutzen für die Energiewende sei unklar, so der Vorwurf. Als Alternative gibt es Premium-Ökostromsiegel wie OK Power oder GSL, die vom Umsatz gewisse Investitionen in Erneuerbaren-Anlagen vorschreiben. Aber auch dies ist seit Jahren umstritten, langsam auch in der Szene, da sie die Netzdienlichkeit des Ausbaus nicht berücksichtigen in Zeiten, in denen stark schwankende Regenerative einen erheblichen Anteil am deutschen Strommix erlangt haben.
Ecohz gehört zu den Ausstellern auf der Leitmesse E-World vom 5. bis 7. Februar in Essen. (geo)

