50 Hertz berichtet von ersten Erfahrungen mit Phasenschiebern im Versorgungsgrenzgebiet.

50 Hertz berichtet von ersten Erfahrungen mit Phasenschiebern im Versorgungsgrenzgebiet.

© 50 Hertz

Seit 2011 liefen die ersten Planungen, 2016 wurde mit dem Aufbau der Phasenschieber-Trafos (PST) an den Netzkoppelpunkten zwischen dem Netzgebiet von 50Hertz, Polen und Tschechien begonnen. Die Anlagen in Röhrsdorf bei Chemnitz sind inzwischen seit acht Monaten in Betrieb, in Vierraden (Brandenburg) läuft ein ähnliches System im Testmodus. Auch Polen und Tschechien haben inzwischen PST an Netzkoppelpunkten (südlich von Görlitz und bei Hradek an der Leitung nach Röhrsdorf) installiert.

Über erste Erfahrungen diskutierten jetzt Experten der Übertragungsnetzbetreiber von 50Hertz, der tschechischen CEPS und der polnischen PSE in Röhrsdorf, wo 50Hertz rund 100 Mio. Euro investierte. "Wir können einen positiven Effekt nachweisen, der auch die hohen Kosten rechtfertigt", sagte Dirk Biermann, Geschäftsführer Märkte und Systembetrieb beim deutschen ÜNB. "Zum einen konnten die unerwünschten Ringflüsse des in Deutschland erzeugten Stromes über die Netze der Nachbarländer deutlich reduziert werden, zum anderen können nun auch mehr Kapazitäten für den europäischen Stromhandel über die Interkonnektoren bereitgestellt werden", sagte Biermann.

Nachbarländer nicht auf den Kosten sitzen lassen

Durch die beiden Phasenschieber in Röhrsdorf lassen sich Leitungswiderstände nicht nur in der Trasse nach Hradek in Tschechien steuern, sondern nach Ende der letzten Bauarbeiten Ende nächsten Jahres auch die die Stromflüsse in den hier beginnenden nationalen 380 kV-Leitungen. Der dafür genutzte 800 Tonnen schwere Trafo ist für eine Spannung von 1200 MVA ausgelegt und kann den Stromfluss nicht nur bremsen, sondern auch anregen. "Durch die koordinierte Steuerung zusammen mit den Anlagen in Tschechien und Polen lassen sich damit nicht nur unerwünschte Leistungsspitzen in den Leitungen vermeiden, sondern die Flüsse im gesamten Netz, auch in Deutschland, deutlich verbessern", sagt Biermann und widersprach damit Befürchtungen, die PST, die ursprünglich auf die Intervention von Polen und Tschechien zurückgehen, würden nur der Abschottung eines gemeinsamen Strommarktes dienen.

„Natürlich werden wir Tage oder Stunden haben, in denen in unserem Netzgebiet so viel Wind- und Sonnenstrom anfällt, dass wir die Regler als Regelventil sehen werden. Aber das sind nicht die Mehrzahl der Tage, und auch dann werden nur die Spitzen abgeschnitten“, erklärt Biermann. Zudem könne man auch nicht die Nachbarländer auf den Kosten für ein aus Deutschland ungewollt importiertes Problem sitzen lassen.

"Derzeit keine Redispatch-Kosten mehr"

Das sehen die ÜNB aus den Nachbarländern ähnlich. Robert Paprocki von PSE sagte, dass die Phasenschieber in seinem Netzbereich die Netzkosten deutlich reduziert und die Sicherheit erhöht habe. Und die tatsächlich genutzte Übertragungsleistung sei sogar gestiegen. Dalibor Klajbl von CEPS ist ebenfalls zufrieden, warnt jedoch davor, dass der weitere Zubau von Erzeugungsanlagen in Deutschland die Situation auch wieder verschärfen könne. „Wir haben derzeit aber keine Redispatch-Kosten mehr“, bestätigte er.

Allerdings seien die Phasenschieber nur ein Teil der Problemlösung. Im Netzgebiet von 50Hertz werden heute bereits rechnerisch 54 Prozent der Strombedarfes aus erneuerbaren Quellen gedeckt. Entsprechend extrem belastet ist zeitweise das Netz in der Mittelspannungs- und Höchstspannungsebene, die Redispatch-Kosten betrugen im vergangenen Jahr 187 Mio. Euro, ohne die neu in Betrieb genommene Südwest-Kuppelleitung wären es sogar mehr als 350 Mio. gewesen. „Wir brauchen unbedingt den weiteren Netzausbau, insbesondere auch die Südlink-Trasse“, versichert Biermann.

Kritik an Überlegungen der EU

Kritisch sieht 50Hertz hingegen Überlegungen in der EU, künftig für die Grenzkopplungspunkte einen Anteil von mindestens 75 Prozent Handelsvolumen festzuschreiben. Das sei ziemlich realitätsfern, schon allein, weil die Handelsaktivitäten nicht überall gleich seien. Bislang liege man jedenfalls sehr weit von diesem Zielwert entfernt, es gebe auch keine technischen Möglichkeiten, sich solchen Vorgaben anzupassen. Allerdings haben auch hier die Phasenschieber schon einen ersten positiven Effekt gezeigt: Die Monatskurven vom physikalischen Lastfluss und die gehandelten Mengen haben sich ein kleines Stück weit angenähert. (masch)

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