Herr Grohmann, vor gut einem Monat hat die europäische Plattform Picasso den deutschen Regelarbeitsmarkt abgelöst. Seitdem gilt auch wieder eine Preisgrenze von 15.000 Euro pro MWh. Funktioniert der Markt seitdem besser?
Leider haben wir nochmals einen Rückgang von Liquidität und Angeboten gesehen, gemessen an den Free-Bids in den Auktionen. In der Folge sind Gebote an der Preisgrenze von 15.000 Euro bislang durchaus üblich gewesen. Nach wie vor leidet der Markt unter mangelnder Liquidität und starken Preisschwankungen.
Woran liegt das?
Schon bei Einführung des Regelarbeitsmarkts haben wir beobachtet, dass eine Reihe von Anbietern nicht mehr dabei war. Das hatte auch mit den hohen IT-Anforderungen zu tun, die Teilnehmer erfüllen mussten, um zum Markt zugelassen zu werden. Mit Picasso sind zwar nun auch beispielsweise Viertelstundenprodukte und 1-MW-Gebote möglich. Das macht den Markt für Anbieter attraktiver. Allerdings sind damit auch die prozessualen Anforderungen größer geworden. Man muss jetzt noch schneller und präziser agieren, um Angebote fristgerecht abzugeben. Zudem gibt es eine Reihe vermutlich kleinerer Anbieter, die eine Nicht-Abruf-Strategie fahren.
Und neu hinzugekommene Anbieter aus anderen Ländern können diese Effekte nicht abfedern?
Es ist leider so, dass viele EU-Staaten eine Ausnahmeregelung in Anspruch genommen haben. Bislang nehmen neben dem deutschen nur der österreichische und tschechische Strommarkt an Picasso teil. Bis es zu einer weitreichenden Marktintegration europaweit kommt, müssen wir möglicherweise noch bis 2025 oder gar 2026 warten. Prinzipiell ist dies aber sicher der richtige Weg, um eine größere Anbietervielfalt und niedrigere Preise zu erhalten.
Gäbe es nicht noch eine andere Möglichkeit, die Kosten noch schneller zu drücken?
Ja. Wenn es in einem Markt Bilanzgruppenverantwortlichen freigestellt wäre, sich aktiv gegen den tatsächlichen Regelzonensaldo zu optimieren, könnte dies zu geringeren Arbeitskosten bei Regelenergieabrufen führen. Der erlaubte Ausgleich von Systemungleichgewichten durch Marktteilnehmer vor der Regelenergieaktivierung könnte demnach geringere Ausgleichsenergiekosten nach sich ziehen. Eine ergebnisoffene Konsultation des Marktes zu den Themen Veröffentlichung des Regelzonensaldos sowie des Ausgleichsenergiepreises in Echtzeit sowie die aktive Positionierung zum Nutzen der Regelzone, wäre wünschenswert.
Das Bundeskartellamt kam in seinem Marktmachtbericht zu dem Schluss, dass vier Anbieter die Regelenergiemärkte besonders stark dominierten. Wie kritisch sehen Sie das?
Das ist ein großes Problem. Denn diese Anbieter ticken auch recht ähnlich. Da müssen sie sich nicht einmal absprechen, um kohärent zu handeln. Wenn alle ein Interesse an hohen Arbeitspreisen haben, schauen sie eben, wie sie diese Grenze nach oben setzen können. Auch deshalb ist eine europäische Integration so wichtig, um einen verstärkten Wettbewerb zu etablieren.
Jürgen Grohmann ist Head of Energy Trading bei Baywa r.e. Energy Trading GmbH. Das Interview führte ZfK-Redakteur Andreas Baumer.



