Christof Petrick, Leiter Portfolio Management bei E2m, einem der führenden Regelenergieanbieter Deutschlands

Christof Petrick, Leiter Portfolio Management bei E2m, einem der führenden Regelenergieanbieter Deutschlands

Bild: © E2m

Herr Petrick, im zweiten Quartal befanden sich die Leistungspreise, insbesondere die Sekundärregelreserve (SRL), auf sehr hohem Niveau. Warum?

Die Gründe dafür sind vielfältig. Dieses Jahr hatten wir kühle Temperaturen bis in den Mai hinein. So blieb der Wärmebedarf entsprechend hoch. Zugleich begannen viele konventionelle Kraftwerke im Frühjahr mit ihren saisonalen Wartungsarbeiten, standen dem Regelenergiemarkt also nicht mehr zur Verfügung. Die Wartungsarbeiten fielen diesmal sogar umfangreicher aus als gewöhnlich. Denn im Vorjahr hatte der erste Corona-Lockdown Unsicherheiten ausgelöst und nicht notwendige Wartungsarbeiten wurden aufgeschoben. Deutlich weniger Angebot stand also einer konstanten Nachfrage gegenüber. Zudem trieben teurere Rohstoffe wie Kohle und Gas sowie stark gestiegene CO2-Preise den Wert insbesondere der positiven Regelarbeit nach oben.

Eine Sondersituation also.

Ja, aber eine, die in den nächsten Jahren zur Normalität werden könnte.

Das müssen Sie erklären.

In den nächsten Jahren werden immer mehr konventionelle Anlagen abgeschaltet werden. Allein mit dem Atomausstieg werden zwölf Prozent der deutschen Stromerzeugung des Jahres 2020 aus dem Markt gehen. Dazu kommen immer mehr Stein- und Kohlekraftwerke. Damit verabschieden sich auch erhebliche Kapazitäten aus den Regelenergiemärkten. Allein durch den Atomausstieg fallen 370 MW in der Sekundärregelreserve weg.

Wer könnte dann einspringen?

Betreiber von flexiblen Anlagen, die jetzt die ihre Chance erkennen und nutzen. Also diejenigen, die mit ihren präqualifizierten Anlagen am Regelenergiemarkt teilnehmen. Dies sind beispielsweise Betreiber von KWK- oder Power-to-Heat-Anlagen.

Wer an der SRL teilnehmen will, muss seine Anlagen aber zuerst präqualifizieren. Das bedeutet einen hohen organisatorischen und technischen Aufwand.

Das ist richtig. Deshalb haben es da die Großen auf den ersten Blick leichter. Aber: Auch kleine Stromerzeuger können über Pool-Lösungen oder Aggregatoren teilnehmen. Wer jetzt schnell reagiert, für den stehen die Chancen gut, in den nächsten Jahren in der Regelenergie gut zu verdienen. Zumal das Angebot aus genannten Gründen die nächsten Jahre knapp, die Preise hoch bleiben dürften.

Kommen wir zu den Arbeitspreisen. Dort können noch Angebote von bis zu 10.000 Euro pro MWh bezuschlagt werden.

Das ist korrekt. Aus unserer Sicht kann man alle Arten von Flexibilität innerhalb dieser Preisgrenze wirtschaftlich abbilden. Am lukrativsten ist es, bei gegebener Prognosesicherheit die Flexibilität zuerst über die Leistungspreisauktion zu platzieren und anschlließend zusätzlich freigewordene Flexibilität über den Regelarbeitsmarkt anzubieten.

Apropos Regelarbeitsmarkt. Wie sehen Sie die Mitte Januar eingeführte Preisobergrenze, mit der Preise im fünfstelligen Eurobereich vorerst der Geschichte angehören?

Wir hatten ja schon im Rahmen des Mischpreisverfahrens dafür plädiert, die Preisobergrenze bei der Einführung des neuen Marktes beizubehalten. Wir sahen dies als geeignetstes Mittel an, um die Interessen von Bilanzkreisverantwortlichen, Regelanbietern und Übertragungsnetzbetreibern auszutarieren. Insofern begrüßen wir, dass die Bundesnetzagentur, wenn auch verspätet, so entschieden hat. Und ja, die Preisobergrenze zeigt Wirkung. Zumindest ist das Risiko fünfstelliger Ausgleichsenergiebeträge vorerst gebannt. Meiner Beobachtung nach dominierende Marktteilnehmer, die bei geringer Liquidität weiteren Gestaltungsspielraum erhalten.

Dabei sollte der Regelarbeitsmarkt eigentlich den Wettbewerb fördern, die Arbeitspreise senken. Ist das Konzept des vom Leistungsmarkt getrennten Regelarbeitsmarkt also gescheitert?

Diese Auffassung vertraten wir nie. Es ist normal, dass sich ein neuer Markt erst einmal einpendeln muss, dass am Anfang noch hohe Preise vorkommen. Ohnehin befinden wir uns in einer Übergangsphase hin zu einem europäischen Zielmarktdesign, der dann auch Länder wie Frankreich und die Niederlande und deren Regelanbieter umfassen soll. An Wettbewerb dürfte es dann nicht mangeln. Nun noch etwas am deutschen Regelarbeitsmarkt zu ändern, ergibt aus unserer Sicht deshalb keinen Sinn.

Christof Petrick ist Leiter Portfolio Management beim Leipziger Regelenergieanbieter Energy2market. E2m gehört zu den größten Aggregatoren und Energiehändlern für erneuerbare Energien in Europa. Über ein eigenes virtuelles Kraftwerk bündelt, überwacht und steuert der Energiedienstleister mehr als 5.500 dezentrale Erzeugungsanlagen von erneuerbaren Erzeugern, Stromspeichern und Verbrauchern und vernetzt diese mit den Stromhandelsmärkten.

Einen Ausschnitt aus diesem Interview lesen Sie auch in der am Montag erschienenen ZfK-Printausgabe auf S. 22. Zudem finden Sie dort eine Analyse zu Ausbau und Performance der erneuerbaren Energien in diesem Jahr. Zum Abo geht's hier.

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