Land und Kommunen sollten bei einer Ausbauoffensive für Erneuerbare an einem Strick ziehen, fordert die Branche im Südwesten.

Land und Kommunen sollten bei einer Ausbauoffensive für Erneuerbare an einem Strick ziehen, fordert die Branche im Südwesten.

Bild: © Geniusksy/Shutterstock

Aurora Energy Research hat im Auftrag der European Climate Foundation untersucht, wie sich der europäische Strommarkt unter der Berücksichtigung des Fit-for-55-Pakets weiterentwickelt. Die Studie betrachtet dabei zwei Szenarien. Im schlechtesten Fall sind die aktuellen Preiskapriolen am Strommarkt keine Ausnahme.

Das erste, pessimistische Szenario legt zugrunde, dass die europäischen Länder es nicht schaffen, die bestehenden Hürden für den Erneuerbaren-Ausbau zu beseitigen, das heißt, es werden weiterhin zu wenig Flächen für Solar und Windkraft ausgewiesen, die Abstandsregeln bleiben rigide und die Genehmigungsverfahren dauern weiterhin sehr lange.

Gaskraftwerke treiben Preise und erhöhen Abhängigkeiten

„In diesem Szenario brauchen wir in den kommenden Jahren umso mehr Strom aus Gaskraftwerken, um den wachsenden Bedarf bei gleichzeitigem Kohleausstieg zu decken“, sagt Linus Beer, Senior Analyst bei Aurora Energy Research und ergänzt: „Dann sind insgesamt mehr fossile Energien im Stromerzeugungssystem und der CO2-Preis steigt bis 2030 um rund 80 Prozent – mit entsprechenden Folgen für die Großhandelsstrompreise.“

Die erhöhten Preise würden die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und europäischen Industrie erheblich belasten. Dazu kommt ein weiterer Faktor: „Mehr Strom aus Gaskraftwerken bedeutet auch mehr Gasimporte und damit eine noch größere geopolitische Abhängigkeit der EU von den Lieferländern“, sagt Lorenz. „Wie sich das auswirken kann, erleben wir gerade mit dem massiv gestiegenen Gaspreis, der auch die Strompreise in die Höhe treibt und so unsere gesamte Wirtschaft belastet.“

Es kommt auf alle EU-Mitgliedsländer an

Im zweiten Szenario nehmen die Studienautoren an, dass die Staaten ihre Ausbauziele für die Erneuerbaren an die Fit-for-55-Ziele anpassen und die bestehenden Hürden beseitigen. Die Ziele der EU sehen einen Erneuerbaren-Anteil von 40 Prozent am Strommix bis 2030 vor. Dann sind deutlich weniger Gaskraftwerke erforderlich und es sind weniger fossile Energien im System.

Dadurch würde sich der europaweite CO2-Preis auf heutigem Niveau stabilisieren und im Gefolge die Strompreise ebenfalls stagnieren, in manchen Ländern sogar sinken: „Vor allem Deutschland würde davon profitieren“, sagt Beer. „Nach unseren Berechnungen sinken in diesem Szenario die deutschen Großhandelsstrompreise bis 2030 um 14 Prozent gegenüber heute. Im pessimistischen Szenario wären sie dagegen 31 Prozent höher als heute oder eineinhalbmal so hoch wie im optimistischen Szenario.“

In beiden Szenarien spielt der Anteil der Kohlekraftwerke an der Stromerzeugung eine entscheidende Rolle: „Ein möglichst schneller Ausstieg aus der Kohle muss sichergestellt werden, damit die CO2- und Großhandelsstrompreise nicht unnötig ansteigen“, sagt Studienleiter Lorenz. Wie extrem sich ein zu langsamer Kohleausstieg auswirkt, zeigt eine Modellierung auf Basis des aktuell diskutierten Ausstiegsszenarios der polnischen Regierung: Der so genannte PEP2040-Plan erhöht den CO2-Preis im pessimistischen Szenario um weitere 20 Prozent auf dann mehr als doppelt so hohe Werte wie Mitte 2021. Das hätte erhebliche Folgen für die Strompreise auch in den anderen EU-Ländern.

Gefahr für Industriestandorte

Mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit ist das Fazit der Studie also eindeutig: Ein weiterhin schleppender Ausbau von Wind und Solar, im schlimmsten Fall kombiniert mit einem langsamen Kohleausstieg, birgt ein erhebliches Risiko für steigende Energiekosten und ist eine Gefahr für den Industriestandort Deutschland und Europa. „Die EU-Länder könnten den Fit-for-55-Plan zum Anlass nehmen, den Umstieg von Kohle zu Erneuerbaren so zu gestalten, dass dafür möglichst wenig Gaskraftwerke als Übergangslösung notwendig wären“, sagt Lorenz.

„Dafür gilt es, das Tempo beim Ausbau von Windkraft und Photovoltaik erheblich zu erhöhen, also in erster Linie die bestehenden Hürden zu beseitigen. Speziell in Deutschland braucht es zudem eine Erhöhung der Ausbauziele für 2030, um sowohl mit den EU-Zielen im Einklang zu sein als auch die Vorgaben zu erfüllen, die das Verfassungsgericht in seinem Urteil zum Klimaschutzgesetz gemacht hat“, betont er. (lm)

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