Der deutsche Strom-Terminmarkt glich in den vergangenen Tagen einer Geisterbahnfahrt auf der Zugspitze – ohne Vorderlicht und Bremsen. Erst ging die Kurve beim Frontjahreskontrakt hoch auf fast 1000 Euro pro MWh, um dann innerhalb von einer Woche Tage um die Hälfte abzusacken.
So wurden am 2. September an der Energiebörse EEX für dasselbe Produkt 500 Euro pro MWh fällig. Dabei ist auch das ein historisch hoher Wert. Früher waren 30 bis 60 Euro pro MWh üblich.
"Aufgeheizte Marktpsychologie und blanke Panik"
Mit fundamentalen Faktoren allein wie etwa dem gestiegenen Gaspreis lasse sich das nicht mehr erklären, sagte Mirko Schlossarczyk, Strommarktexperte und Partner der Berliner Unternehmensberatung Enervis, in einem Interview mit der ZfK.
"Da wirken offenbar auch eine aufgeheizte Marktpsychologie und die blanke Panik von einigen Marktteilnehmern, die dazu führen, dass derzeit extreme Risikoaufschläge gezahlt werden", sagt er. "Interessanterweise aber passen die Notierungen für die Lieferjahre ab 2024 wieder relativ gut in unsere auf Fundamentaldaten beruhenden Preismodelle."
Entspannung am langen Ende
Tatsächlich fallen die Notierungen für die Lieferjahre 2024 und 2025 deutlich ab. Am Freitagmittag lag der Strompreis für Cal-24 (Lieferjahr 2024) an der EEX bei 237 Euro pro MWh und für Cal-25 (Lieferjahr 2025) bei 188 Euro pro MWh.
Noch billiger war zuletzt Cal-26 (Lieferjahr) zu haben. Hier kostete eine Megawattstunde 160 Euro pro MWh.
Preisfaktor Gasumlage
Sollte die Gasbeschaffungsumlage kommen, könnten sich die Produktionskosten von Gaskraftwerken nach Schlossarczyks Berechnungen um etwa 50 Euro pro MWh erhöhen. Der Stromgroßhandelspreis werde im Jahresmittel aber lediglich um etwa fünf Euro pro MWh steigen.
"Das hängt damit zusammen, dass Gaskraftwerke nur in einem Bruchteil der Stunden preissetzend sind, die 50 Euro pro MWh also nur dann voll durchschlagen", sagt er. "Im Durchschnitt der 2000 teuersten Stunden des Jahres liegt der Preisanstieg bei zwölf Euro pro MWh."
Überschaubarer Einspareffekt
Schlossarczyk geht zudem davon aus, dass Gaskraftwerke durch die Umlage verstärkt aus dem Markt gedrängt werden könnten – "beispielsweise durch günstigere Stromimporte und weniger Bedarf aus dem Ausland, da sich die Gasverstromung durch die Umlage ja nur in Deutschland verteuert. Wir sehen in diesem Fall für das kommende Jahr einen um rund zwölf TWh geringeren Gasverbrauch im Strommarkt."
Das sei etwa ein Prozent des gesamten Gasverbrauchs in Deutschland. "Das mag überschaubar klingen. Aber in Zeiten, in denen jede eingesparte Kilowattstunde zählt, wäre auch dies eine nicht unbeträchtliche Menge, die dem Wärmemarkt oder der Industrie zur Verfügung stehen würde."
Wien Energie klagt über "Tsunami"
Die Preiskapriolen in den vergangenen Tagen führten auch zu teils enormen Sicherheitshinterlegungen. Völlig überrumpelt wurde offenbar beispielsweise Österreichs größter Regionalversorger Wien Energie, der innerhalb weniger Stunden Milliardenhilfen von Stadt und Bund benötigte.
Der starke Anstieg der Strompreise insbesondere am Freitag, 26. August, bei glechzeitigem Nichtansteigen der Gaspreise habe das Unternehmen überrascht, erklärte Geschäftsführer Michael Strebl dem Sender ORF. Diese Kombination habe der Wien Energie "diesen Tsunami beschert".
Langfristiger Einkauf
Nach eigenen Angaben verkauft Wien Energie Strom aus seinen Kraftwerken bis zu zwei Jahre im Voraus und beschafft Strom und Gas langfristig für seine Kunden an der Börse.
Die kurzfristrig erforderliche Aufstockung der Sicherheitsleistungen resultierte demnach vor allem aus für die Zukunft zugesicherten Stromverkäufen.
Leipzig mit 150-Mio.-Euro-Darlehen
Unterstützung erhielten auch die Leipziger Stadtwerke. Der städtische Eigentümer stellt kurzfristig ein Gesellschaftsdarlehen von bis zu 150 Mio. Euro zur Verfügung.
"Das gibt den Leipziger Stadtwerken die Möglichkeit, auch bei weiterhin starken Börsenpreisbewegungen eine verlässliche Energiebeschaffung und Energieversorgung zu sichern", teilte das Rathaus mit. (aba)



