Die deutschen Übertragungsnetzbetreiber blicken zuversichtlich in den kommenden Winter. Die in der Energiekrise getroffenen Maßnahmen wirkten, sagte Alicia Dorado Corsino vom Unternehmen 50 Hertz beim diesjährigen Strommarkt-Forum. "Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass sich die Situation an mancher Stelle beruhigt hat."
Die Netzanalystin verwies auf die Gasspeicher, die mittlerweile zu 94 Prozent voll sind. Auch die Wasserreservoirs in Skandinavien seien gut gefüllt. Deutschland importierte zuletzt Netto-Strom aus Norwegen, Schweden und Finnland, wo Wasserkraftwerke eine große Rolle spielen.
Stabilere Gas- und Kohlepreise
Darüber hinaus stimmt die Entwicklung der fossilen Brennstoffpreise die Übertragungsnetzbetreiber positiv. Die Gas-Winterprodukte kosteten am Handelsplatz TTF zuletzt zwischen 47 und 52 Euro pro MWh.
Das ist zwar zweieinhalb Mal so viel wie in der Vorkrisenzeit, aber doch auch merklich weniger als vor einem Jahr. Auch die Steinkohlepreise haben sich im Vergleich zum Vorjahr wieder beruhigt.
Herausforderung Stromnetzbelastung
Dass die Krise schon überwinden sei, wollte Dorado Corsino allerdings nicht bejahen. Die Übertragungsnetzbetreiber verorten vor allem an zwei Stellen weiterhin Unsicherheiten.
Da sind erstens die Stromnetze. Vor allem ein hohes Windaufkommen im Nordosten und eine hohe Stromnachfrage im Süden könnten zu kritischen Situationen führen.
Nord-Süd-Transportachsen
"Die Nord-Süd-Transportachsen in Deutschland sind [dann] deutlich überlastet", sagte sie. Prinzipiell würden in der Folge Redispatch-Maßnahmen greifen, um die Netze zu stabilisieren. "In diesen Fällen könnten wir es aber nur mit Unterstützung der Netzreserve machen – sowohl im In- als auch im Ausland."
Nach Berechnungen der Übertragungsnetzbetreibern würden neben 14 Gigawatt (GW) marktbasierter Kraftwerke und sonstiger Leistung drei Gigawatt Redispatch aus Netzreservekraftwerken benötigt werden. Dazu wäre ein weiteres Gigawatt an Redispatch-Leistung aus dem Ausland notwendig.
Sorgenkind Frankreich
Die gute Nachricht dabei: Nach Einschätzung der Übertragungsnetzbetrieber könnte der innerdeutsche Redispatchbedarf selbst dann gedeckt werden, wenn ähnlich wenige französische Kernkraftwerke am Netz sind wie im vergangenen Jahr. Womit die zweite Unwägbarkeit benannt ist: die Stromerzeugung im kernkraftlastigen Nachbarland jenseits des Rheins
In ihrem Stromszenario für den kommenden Winter gehen die Übertragungsnetzbetreiber davon aus, dass lediglich französische Kernkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 45 Gigawatt zur Verfügung stehen. Das spiegelt den Mittelwert der Stromszenarien für den vergangenen Winter wider.
Deutschland dürfte wieder Nettoexporteur werden
Auch deshalb gehen die Übertragungsnetzbetreiber davon aus, dass Deutschland im kommenden Winter wieder Nettostromexporteur wird.
Die Vorsicht der Übertragungsnetzbetreiber dürfte auch daher rühren, dass der französische Kernkraftwerkbetreiber EDF im Laufe dieses Sommers des Öfteren Verfügbarkeitsprognosen nicht einhalten konnte und die tatsächlich verfügbare Leistung mehrere GW unter Planung lag. Laut der Plattform "Nuclear Monitor" produzierten zuletzt 39 der insgesamt 56 französischen Reaktoren Strom.
"Befragung einer Kristallkugel"
Zwar dürften die Reparaturen an den meisten der besonders anfälligen Reaktoren bis zum kommenden Winter abgeschlossen sein, antwortete jüngst auch Energieexperte Mycle Schneider auf ZfK-Anfrage. "Allerdings wurden die Inspektionen auf die gesamte AKW-Flotte ausgeweitet." Diese sollen bis Ende 2025 dauern.
"Weiterhin steht eine Serie von Zehnjahresinspektionen an – mit unkalkulierbarer Dauer", erläuterte Schneider weiter. "In anderen Worten: Die Verfügbarkeit der französischen Atomkraftwerke vorhersagen zu wollen, gleicht der Befragung einer Kristallkugel." (aba)
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