Der Anteil erneuerbarer Energien am EU-Gesamtverbrauch hat sich seit 2004 verdoppelt.

Der Anteil erneuerbarer Energien am EU-Gesamtverbrauch hat sich seit 2004 verdoppelt.

Bild: © Rainer Sturm/Pixelio

"Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie auch die systemische Sichtweise teilen", lobte Hans Wolf von Koeller, Leiter Energiepolitik der Steag die Deutsche Energie-Agentur (Dena). Unter dem Motto "Must Run & Gesicherte Leistung – Herausforderungen für das Energiesystem durch den Kohleausstieg und die langfristigen Klimaziele" hatte sie am Dienstag zu einem Symposium nach Berlin eingeladen.

Klar wurde, dass es nicht nur darum gehen kann, die Prozentzahlen einzelner Energieträger oder Leistung zusammenzuzählen, sondern eine jederzeit gesicherte und möglichst klimaschonende Energieversorgung im Blick zu haben. "Die Energiewende ist dann erfolgreich, wenn das Energiesystem jede Sekunde und jede Minute ausbalanciert ist und Bedarf und Bereitstellung zeitlich und räumlich zusammengeführt werden", sagte Koeller. Unabhängig von der Entwicklung und der Struktur der Nachfrage reduzierten eine Diversifizierung der Erzeugung und Netzausbau Versorgungsrisiken, gab er als Zukunfts-Leitplanke vor. Doch müsse Flexibilität auch ausreichend angereizt werden. "Wir als Erzeuger sind bereit, regelbare Leistung auf verschiedene Art und Weise bereit zu stellen, doch leider passen die Rahmenbedingungen hierfür noch nicht", unterstrich er.

"Erforderlich ist ein risikoorientierter Stresstest"

Es geht nicht so sehr um die Frage des "Must-Run", sondern um das "Want-Run" und vor allem das "Can-Run" der Energiezeugung. "Must-Run und Want-Run gibt es sowohl bei den Erneuerbaren als auch bei den Konventionellen", so Koeller. Doch ein Can-Run brauche lagerfähige Energieträger plus lang- und kurzfristige Speicher, gepaart mit hoher Reaktionsgeschwindigkeit.

Wann genau ein interdependentes Energiesystem an seine Grenzen stoße, könne er auch nicht sagen. "Erforderlich ist ein risikoorientierter Stresstest", sagte Koeller. Eine Kapazitätsmarktdebatte helfe hier jedoch nicht weiter. Kritisch sieht er auch eine Fortsetzung der "zunehmend chaotischen Re-Regulierung". Vielmehr müsse es darum gehen, den Rechtsrahmen für die Energieversorgung "europa- und physiktauglich" zu klären, so Koeller.

Systemdienstleistungen aus den Verteilnetzen besser koordinieren

"Die systemische Wirkungsbilanz muss zu jedem Zeitpunkt ausgeglichen werden", betonte auch Johannes Weidner, Senior Ingenieur Netzanschlussregeln und Netzdynamik bei 50Hertz Transmission. Er sieht schon jetzt eine ganze Reihe von alternativen Möglichkeiten zur Erbringung von Systemdienstleistungen und der Sicherung der Systemstabilität. So sei beispielsweise die Bereitstellung von Primär- und Sekundärregelleistung durch dezentrale Anlagen plus Batteriespeicher oder die stationäre Blindleistungsregelung jetzt schon quasi Stand der Technik. Weiterentwicklungsbedarf sieht er unter anderem im Bereich der Schwarzstartfähigkeit, dem Teilnetzbetrieb oder bei der Bereitstellung von ausreichend Schwungmasse.

"Langfristig ist eine Ablösung konventioneller Kraftwerke möglich, mittelfristig müssen jedoch erhebliche Anstrengungen unternommen werden, um die Systembedarfe zu quantifizieren und zu decken", sagte Weidner. Auch müsse es darum gehen, die Systemdienstleistungen und die Systemunterstützung aus den Verteilnetzen innerhalb der kommenden fünf Jahre besser zu nutzen und zu koordinieren und innerhalb der kommenden fünf bis 20 Jahre die technischen Anschlussregeln weiterzuentwickeln.

Kohleausstieg bis 2038 technisch machbar

"Ein sprungartiger Ausstieg ist nicht möglich, ein kontinuierliches Monitoring ist notwendig, um gebenenfalls zusätzliche Begleitmaßnahmen einzuleiten", sagte Weidner in punkto Kohleausstieg. Zudem müsse stärker europäisch und im Verbund gedacht werden, wobei jedes Land seinen Beitrag zur Systemstabilität leisten müsse. Doch rein technisch hält Weidner den Kohleausstieg bis zum Jahr 2038 für machbar. (hcn)

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