Mieterstrom gibt es schon lange, EINHUNDERT ist bereits seit 2017 am Markt, dennoch haben Sie vor allem in den letzten Monaten viele Kooperationen in der Energiewirtschaft abgeschlossen. Wieso kommt gerade jetzt Schwung in das Segment?
Natürlich haben nicht alle Gespräche mit unseren Geschäftskunden- und partnern erst gestern begonnen. Aber vor allem in letzter Zeit gibt es definitiv eine Trendwende. Auch die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft will und muss ihren Teil zur Erreichung der Klimaziele beitragen. Daher werden in den Ausschreibungen immer stärker Komplettpakete aus Wärmecontracting, Mieterstrom und E-Mobilität verlangt. Wärmecontracting ohne Mieterstrom ist daher zunehmend ein Auslaufmodell. Das erkennen immer mehr Energiedienstleister und suchen die richtigen Partner, um das verlangte Gesamtpaket und die dazugehörigen Services liefern zu können.
Da kommt dann EINHUNDERT ins Spiel. Was genau bieten Sie Energiedienstleistern und -versorgern an?
Wir haben grundsätzlich zwei Produkte – Mieterstrom Komfort und Mieterstrom Aktiv. Energiedienstleister sind in der Regel „Aktiv“-Kunden. Das heißt sie treten selbst als Mieterstromanbieter gegenüber dem Endkunden auf, bedienen sich dabei aber eben unserer Prozess- und Softwaredienstleistungen – Software-basiertes Prozess-Outsourcing, wenn man so will. Unsere Kunden planen und finanzieren beispielsweise die Wärme- und PV-Anlagen im Rahmen des Contractingvertrags mit der Immobilienwirtschaft und wir übernehmen als Partner dann die Umsetzung des Messkonzepts, die Endkundengewinnung- und den Kundenservice und managen alles, was die Stromverteilung im Objekt betrifft. All das können wir für unsere Auftraggeber als White-Label-Dienstleistungen umsetzen.
Ohne Kooperationen wird es also schwierig, solche dezentralen Modelle umzusetzen. Wie hat sich hier die Einstellung von Energieversorgern in den vergangenen Jahren geändert?
Ich finde es sehr positiv, dass immer mehr Energieversorgungsunternehmen sich mit der Frage befassen: Wo liegen unsere Kompetenzen, aber wo liegen sie eben auch nicht und wie lassen sich dort sinnvoll Partner einbinden? Viele Energieunternehmen haben für sich erkannt, unsere Stärke liegt im Großhandel, in der Beschaffung, oder auch in der Anlagentechnik, aber weniger im kleinteiligen dezentralen Servicegeschäft. Von den Kostenstrukturen und von den Prozessarchitekturen her sind sie für die dezentralen Geschäftsmodelle etwas schwächer aufgestellt als für die Zentralen. Insbesondere, da diese Business-Cases meist mit hochkomplexen Software-Lösungen verbunden sind und es für Unternehmen, egal über wie viel Kapital und Mitarbeiter sie verfügen, kaum mehr möglich ist all das bestmöglich selbst aufzusetzen. Eine Partnerschaft kann hier ein guter Weg sein, trotzdem das ganze Spektrum abzudecken.
Oft wird die geringe Teilnahmequote unter den Mieter*innen als Hemmnis für Mieterstromprojekte genannt. Bei Ihnen scheint es hier keine Probleme zu geben.
Im Neubau machen bei unseren Projekten über 80 Prozent der Mieter mit und selbst wenn Bewohner ausziehen, übernehmen die Nachmieter den Tarif. Wir haben über all die Jahre in keinem unsere Projekte Netto-Abwanderungen verzeichnet, was durchaus erstaunlich ist. Von daher liegt die Herausforderung primär darin, die Teilnahme in Bestandsgebäuden zu erhöhen. Insgesamt haben wir eine Teilnahmequote von rund 50 Prozent. Das ist gut, aber steigerungsfähig. Zum einen befähigen wir die Immobilienverwaltungen, um die Mieter direkt einzubeziehen, aufzuklären und zu informieren, denn für viele Menschen steht die Stromversorgung nicht unbedingt auf ihrer täglichen Agenda. Zum anderen stellen wir für alle Projekte Landing Pages mit Online-Abschluss bereit, sodass die Hürden für die Anmeldung gering sind.
Die jüngsten Entwicklungen am Strommarkt steigern das Interesse am Angebot natürlich zusätzlich, wir sehen bereits einen Zuwachs. Und obwohl wir auf einem guten Weg sind, könnten wir uns auch eine gesetzliche Teilnahmepflicht vorstellen als Anreiz für die Immobilienwirtschaft auf Mieterstrom umzusteigen.
Anfang des Jahres haben Sie eine erfolgreiche Finanzierungsrunde über 6,5 Mio. Euro abgeschlossen, was passiert mit dem Geld?
Der Fokus liegt erst einmal darauf, PV-Mieterstrom entlang unserer gesamten Wertschöpfungskette noch skalierbarer zu machen. Wir wollen unsere Prozesse und Software noch weiter entwickeln und beispielsweise die Integration der Einzelschritte von der Gebäudeprüfung bis hin zur Abrechnung, stark vorantreiben. Dabei geht es uns darum, all das möglichst effizient zu tun und damit letztlich die beste Plattform im Markt zu haben. Und wenn ich Plattform sage, meine ich die Kombination aus Software und Prozessabwicklung. Noch ein bisschen weiter in die Zukunft gesprochen, befassen wir uns mit der Frage, wie und mit welchen Partnern wir die Themen Wärmepumpen und Ladesäulen stärker in unser Leistungsspektrum integrieren können. Wir haben heute schon Gebäude mit Wärmepumpen, die wir mit Strom beliefern, aber die wurden dann nicht von uns oder unseren Partnern geplant, sondern von Dritten. Wir haben ganz klar den Anspruch ein Komplettangebot aus PV, Wärmepumpen und Ladesäulen an den Start zu bringen und dafür mit starken Partnern zusammen zu arbeiten.
Wachstum braucht jede Menge Fachkräfte, und hier machen sich Politiker und Branchenexperten gleichermaßen Sorgen. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Der Markt ist auf jeden Fall knapp. Das gilt nicht nur für das Handwerk, sondern auch für Produktentwickler und Ingenieure. Es ist insgesamt sicherlich die größte Herausforderung, seine Recruiting- und HR-Prozesse so zu gestalten, dass starke Talente für uns arbeiten und dann auch bleiben wollen. Dies zeichnet uns aus, und wir haben ein großes Augenmerk darauf, dass es so bleibt. Zudem haben wir seit Mitte 2021 das Thema PV-Planung ganz bewusst ins Unternehmen geholt. Neben Rahmenverträgen mit unseren Installationsbetrieben, beschäftigen wir mittlerweile eigene technische Planer und an unseren Standorten in Köln und Berlin stellen wir auch selbst Elektro-Fachkräfte direkt bei uns an.
Insgesamt finde ich es sehr bedauerlich, dass Politik und Industrie erst jetzt das Potenzial des Strukturwandels erkennen. Sowohl die Beschäftigten in den Tagebauregionen als auch im Bereich der Autoindustrie hätten viel früher Weiterbildungsangebote bekommen müssen. Hier muss die Energiewende aus meiner Sicht viel stärker als Chance verstanden und genutzt werden – ausgebildete Handwerker haben ausgezeichnete Perspektiven.
(Das Interview führte Lisa Marx)
