Die Stromkosten dürften nicht – wie erhofft – mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien (EE) deutlich sinken. Auch wenn die wahren Kosten durch politische Entscheidungen verschleiert würden, müssten sie entweder von den Stromkunden oder über Steuern getragen werden. Das schreibt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm in einer aktuellen Studie mit zwei Fachkollegen der Universität Erlangen-Nürnberg.
Kritik übt die Ökonomin dabei an einer Argumentation vieler Erneuerbaren-Befürworter: Dass die Stromkosten in Deutschland langfristig sinken, weil sich die Stromgestehungskosten erneuerbarer Energien über die Zeit verringern. Grimm hält dies für zu kurz gegriffen. Denn dabei würden die Versorgungslücken nicht berücksichtigt, die durch Batteriespeicher sowie Gas- beziehungsweise Wasserstoffkraftwerke gedeckt werden müssten.
Kosten für die Lastabdeckung
"Die Investitionskosten dieser Anlagen und ihres Betriebs müssen in die Berechnung der Kosten zur Befriedigung der Nachfrage eingehen", heißt es in der Studie. Die Studienautoren haben daher sogenannte "Levelized Cost of Load Coverage" (LCOLC) berechnet; also die tatsächlichen Kosten für die Lastabdeckung. Diese deuteten demnach nicht darauf hin, dass die "Stromkosten im kommenden Jahrzehnt deutlich sinken werden".
Dass die alleinige Betrachtung der Stromgestehungskosten für Erneuerbare nicht ausreicht, zeigt ein Rechenbeispiel: Grimm und Kollegen haben für das Ausgangsjahr 2021 Gestehungskosten von 5,49 Cent je Kilowattstunde (kWh) Windstrom und 4,07 Cent je kWh aus großen Solarparks angenommen.
Dies haben die Ökonomen den tatsächlichen Kosten gegenübergestellt, wenn die Stromnachfrage zu jeder Zeit gedeckt werden muss. Für 2021 kommen die Studienautoren dabei auf durschnittlich mindestens 6,49 Cent pro kWh für Abnehmer mit einer kontinuierlichen Nachfrage – etwa große Unternehmen. Die Versorgung einer ganzen Region mit kleinen Verbrauchern kostet bereits 7,23 Cent pro kWh.
Stromkosten über 7 Cent pro kWh
Was bedeutet das also für die Stromkosten bis 2040? Die Fachleute erwarten bis dahin einen weiteren Rückgang der reinen Gestehungskosten auf 4,69 Cent je kWh Windstrom – und 2,59 Cent je kWh Solarstrom. Dennoch werde es im Schnitt mindestens 7,68 Cent je kWh kosten, die Nachfrage zu jeder Zeit zu decken. "Die Kosten zur Deckung dieser Versorgungslücken bleiben sehr hoch", betont Grimm.
Das heißt auch: Sollte die Bundesregierung sich also doch noch auf einen Industriestrompreis unter 6 Cent pro kWh einigen, müsste dieser bis mindestens 2040 dauerhaft subventioniert werden. Immerhin: Die Energiewende dürfte laut der Studie auch nicht zu massiven Preisaufschlägen führen. "Es geht uns um eine Versachlichung der Debatte", erklärte Grimm dem "Handelsblatt".
Netzausbaukosten ausgeblendet
Dabei haben die Studienautoren sogar noch ausgeblendet, welche Kosten etwa für Netzgebühren sowie Margen im Stromhandel zusätzlich anfallen. Wenig überzeugt scheinen die Experten zudem, was die Flexibilisierung der Nachfrage angeht. Diese "dürfte nur in begrenztem Ausmaß stattfinden" und "die Lastkurve nicht vollumfänglich an die Erzeugungsmuster anpassen können".
Auch spielen Aufwendungen für den Netzausbau in den Modellen keine Rolle. Seit Jahresbeginn haben sich die Netzentgelte bereits fast verdoppelt. Und weil beim Netzausbau viele Maßnahmen verschleppt wurden, werden sie wohl weiter ansteigen. Die Stromkosten könnten in der Realität also sogar noch höher ausfallen.
Bioenergie spielt keine Rolle
Auf der anderen Seite haben die Ökonomen nur mit Batteriespeichern und Gas- beziehungsweise Wasserkraftwerken als flexiblen Kapazitäten gerechnet. Kohlekraftwerke und vor allem Bioenergie sowie weitere Speichertechnlogien kommen nicht vor. Man habe die Studie bewusst "sehr einfach und nachvollziehbar" halten wollen, begründet dies Grimm.
Zudem gehe auch die Flexibilisierung der Nachfrage mit zusätzlichem Aufwand einher. Etwa, wenn die Industrie erst Zwischenprodukte herstellen müsse, weil sie manche Weiterverarbeitungsschritte nicht gleich ausführen könne. Die Sparmöglichkeiten durch eine flexiblere Nachfrage seien daher begrenzt. (jk)



