Dirk Mangold ist Leiter des Steinbeis-Forschungsinstituts für solare und zukunftsfähige thermische Energiesysteme – Solites.

Dirk Mangold ist Leiter des Steinbeis-Forschungsinstituts für solare und zukunftsfähige thermische Energiesysteme – Solites.

Bild: Solites

ZfK: Wie sehen Sie die Entwicklung der Solarthermie in Deutschland?

Mangold: Das größte Marktsegment der Solarthermie waren über viele Jahre Anlagen für Einfamilienhäuser: Solarthermieanlagen mit 4 bis 7 kW Leistung können mindestens den sommerlichen Wärmebedarf decken und damit bei bestehenden fossilen Heizungen direkt CO2-Emissionen einsparen. Auch bei erneuerbaren Heizungen ist eine solarthermische Ergänzung möglich. Allerdings werden in diesem Marktsegment Photovoltaikanlagen zunehmend kostengünstiger als die solarthermische Alternative. Bei Großanlagen ab rund 1 MW Leistung kostet Wärme aus Solarthermie nur rund ein Viertel oder weniger im Vergleich zu Strom aus Photovoltaik, da Solarthermie als Großanlage kostengünstiger ist und eine bessere Flächeneffizienz aufweist. Daher entwickelt sich der Markt solarthermischer Großanlagen mit einem bis über 50 MW stark.

ZfK: Das vergangene Jahr war ein sehr bewegtes für die Klimapolitik und vor allem für die Wärmewende. Wie bewerten Sie die Neuerungen und jüngsten Entwicklungen?

Mangold: Solarthermische Großanlagen erhalten eine marktgerechte Förderung, im Bereich der Wärmenetze durch die Bundesförderung effiziente Wärmenetze (BEW). Die vergangenen Monate waren allerdings geprägt durch einen Wechsel aus „Stop and Go“. Zuerst waren Solarthermieanlagen als Einzelmaßnahme im Modul 3 des BEW einfach förderbar, nach einer Überarbeitung des BEW muss nun aber zusätzlich ein Transformationsplan erstellt werden. Dies verzögert die solarthermische Projektentwicklung im Durchschnitt um zwei Jahre. Die gesetzlichen Vorschriften für einen erneuerbaren Anteil von mindestens 65 Prozent bei neuen Heizungen führten zu einer starken Nachfrage nach solarthermischen Großanlagen. Das nachgeschobene Gesetz zur kommunalen Wärmeplanung führt nun wieder zu einem Dämpfer, da oft das Ergebnis der kommunalen Wärmeplanung abgewartet wird, ehe weitere Projektentwicklungen erfolgen. Die schon durchgeführten kommunalen Wärmeplanungen zeigen größtenteils, dass diese keine Wärmeversorgungsprojekte definieren, sondern auf Basis einer umfassenden Datenanalyse mögliche Wärmenetzgebiete vorschlagen. Solarthermieprojekte können dadurch zwei Jahre auf Eis liegen.

ZfK: Wie wird sich die Solarthermie aus Ihrer Sicht bis 2030 weiterentwickeln?

Mangold: Trotz der unsteten Verfahrensvorgaben und Förderbedingungen begann der Markt für solarthermische Großanlagen im vergangenen Jahr zu boomen. Haupttreiber sind die Erkenntnis des notwendigen Strukturwandels, hohe Kosten für fossile Energien, zu erwartende steigende Kosten für CO2-Emissionen und auch die öffentliche Wahrnehmung der Notwendigkeit, den Klimawandel einzudämmen. Ein Vielfaches des aktuellen Bestandes der in Betrieb befindlichen solarthermischen Großanlagen ist in der Projektentwicklung: Neun Anlagen mit rund 112.400 Quadratmetern bzw. 79 MW Leistung sind in Realisierung oder Planung und weitere 70 Anlagen mit rund 396.000 Quadratmetern (277 MW) sind in Vorbereitung. Zuerst durchzuführende kommunale Wärmeplanungen und zu erstellende Transformationspläne verzögern die Realisierung der vorbereiteten Projekte zusätzlich zum notwendigen Baugenehmigungsverfahren. Typische Zeitbedarfe vom Beschluss zur Projektentwicklung einer Solarthermieanlage bis zum Baubeginn betragen vier bis fünf Jahre. Aktuell sind rund 160.300 Quadratmeter entsprechend 112 MW an Solarthermie in Betrieb. Die lange Projektentwicklungs- und Baugenehmigungszeit bremst ein schnelles Anfangswachstum ein. Beschleunigte Genehmigungsverfahren sind hier unbedingt notwendig, um den Bremsklotz vom Solarthermierad zu bekommen.

ZfK: Wie schätzen Sie die Rolle der Solarthermie für die Energiewende  insgesamt ein?

Mangold: Die verschiedenen Studien zum besten Energiemix für Wärmenetze für die vollständige Dekarbonisierung in 2045 zeigen eine Kombination aus Großwärmepumpen, Tiefengeothermie, Abwärme aus der Industrie und etwas Holznutzung, auch Solarthermie als Wärmeerzeugung. Für solarthermische Großanlagen wird eine notwendige Kollektorfläche von rund 12 Mio. Quadratmetern bis zu 30 Mio. Quadratmetern entsprechend 8,4 GW bis zu 21 GW installierter Leistung vorausberechnet. Diese Zahlen zeigen, dass bis 2030 ein jährliches Marktvolumen von mindestens 500.000 Quadratmetern bis hin zu 1 Mio. Quadratmetern erreicht werden muss, um die Anforderungen der Dekarbonisierung zu erreichen. Die Solarthermie-Anbieter sind von diesem zukünftigen Markt überzeugt und investieren in Fertigungskapazitäten und noch besser an den Wärmenetzmarkt angepasste Produkte.

Das Interview führte Lisa Marx

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