Bundesumweltministerin Svenja Schulze bei der Präsentation des Fünf-Punkte-Plans für weniger Plastik.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze bei der Präsentation des Fünf-Punkte-Plans für weniger Plastik.

Bild: © Sascha Hilgers/BMU

Die Bundesbürger produzierten 2016 im Durchschnitt pro Kopf rund 220,5 Kilogramm Verpackungsmüll, ein Höchstwert in Europa. Es soll gegengesteuert werden. Gefragt sind Handel und Hersteller – aber auch die Verbraucher. Um die Plastikflut einzudämmen, hat Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) im November einen Fünf-Punkte-Plan für weniger Plastik und mehr Recycling vorgelegt – nun folgte ein erster "runder Tisch" mit Vertretern von Handel und Herstellern, Umwelt- und Verbraucherverbänden.

Bis Herbst solle es konkrete Vereinbarungen geben, sagte Schulze am Mittwoch in Berlin. "Wir wollen alle gemeinsam, dass Plastikmüll reduziert wird." Sie will zunächst auf freiwillige Maßnahmen von Handelsketten und Herstellern setzen. Damit komme man schneller voran als mit Verboten. Vorbild sei die Selbstverpflichtung von Unternehmen, Plastiktüten nicht mehr umsonst abzugeben. Dies habe gewirkt, sagte die SPD-Politikerin.

Plastik reduzieren bei Obst- und Gemüseverpackungen

Gurken in Plastik, in Folie eingeschweißte Apfelsinen und Bananen, dünne Tüten für Äpfel, Wurst und Käse in Verpackungen vorportioniert – das soll sich ändern. "Wir wollen Plastik bei Obst und Gemüse möglichst vermeiden", sagte Schulze. In der Einladung für den "runden Tisch" schrieb sie, der Einzelhandel habe einen großen Einfluss auf die Hersteller und die Verpackungsgestaltung.

Der Handel sagte Unterstützung zu. Im Obst- und Gemüsebereich werde die Zahl der leichten Einweg-Kunststofftüten in diesem Jahr reduziert, sagte der Geschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Kai Falk. Das Angebot von unverpacktem Obst und Gemüse werde ausgebaut, viele Händler führten Mehrwegnetze ein. Pünktlich zum "runden Tisch" kündigte Kaufland an, ab Anfang März Salatgurken ohne Folie zu verkaufen. Und bei Bananen ersetze eine Banderole die Plastikverpackung – andere großen Ketten sind ähnlich unterwegs.

Ausnahmen bestimmen die Regel

Neben weniger Tüten und mehr Mehrwegnetzen für Obst und Gemüse testen Betriebe laut Handelsverband Mehrwegbehälter an den Frischetheken für Käse und Fleisch. Außerdem würden Etiketten bei manchen Obst- und Gemüsesorten durch Laserkennzeichnungen ersetzt. Die Branche will zudem bei Verpackungen ihrer Eigenmarken den Materialeinsatz reduzieren und die Recyclingfähigkeit verbessern.

Ziel von Schulze ist es auch, die Verbraucher besser zu informieren. Es gebe noch eine "große Unsicherheit", was es mit Plastikmüll auf sich habe, was sich wie recyceln lasse. Die Ministerin will auch die Transportwege zum Thema machen: "Je weniger transportiert werden muss, desto besser ist eben auch die Ökobilanz."

Kritik kommt nicht nur aus dem Parlament

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter kritisierte, "nette Gesprächsrunden" reichten nicht aus, um den Verpackungsmüll zu verringern. "Nur auf Freiwilligkeit zu setzen, hilft uns nicht weiter im Kampf gegen die gigantischen Müllberge." Es müsse mehr und besser recycelt werden, dazu brauche es ein verbindliches Reduzierungsziel. Auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und die Bundestagsfraktion Die Linke finden Schulzes Maßnahmen zu lasch. Ralph Lenkert, umweltpolitischer Specher, erklärte: "Wenn freiwillige Selbstverpflichtungen versagen, sind Vorschriften unentbehrlich."

Industrie und Handel wollen beim Ziel weniger Verpackungsmüll mitmachen – es gibt allerdings auch ein Aber. Der Lebensmittelhandel stoße bei der Einsparung von Kunststoffverpackungen an Grenzen, so der Handelsverband. "Die Vermeidung von Lebensmittelabfällen hat höchste Priorität, dafür sind Verpackungen oft unverzichtbar." Der Einsatz von recyceltem Material bei Lebensmittelverpackungen werde durch hygienerechtliche Vorgaben behindert. "Hier muss die Politik die Vorgaben anpassen." Neue gesetzliche Regelungen für mehr Recycling halte der HDE für überflüssig.

Produktschutz vs. Umweltschutz

Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie teilte mit, Verpackungen seien bislang in der Branche vor allem unter Produktschutz- und Kostengesichtspunkten betrachtet worden. Hier wolle der Verband aktiv werden und verstärkt für die Vorteile einer "ökologischen Weiterentwicklung" von Verpackungen werben. Generell sei in der gesamten Debatte "Augenmaß" gefordert, dies sei bisher nicht immer der Fall. So bleibe bei vorgesehenen Produktverboten und -vorgaben bei Getränkeverpackungen unberücksichtigt, dass es funktionierende Rücknahmesysteme gebe – über die der ganz überwiegende Anteil der Einweggebinde-Getränkeverpackungen gesammelt und verwertet werde. (ls/dpa)

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