Ein schlechtes Zeugnis mit Blick auf das Thema Smart City hat Chirine Etezadzadeh, Leiterin des Smart City Institutes, der Bundesrepublik Deutschland ausgestellt.
„Es fehlt seit Jahren der politische Wille, um das Thema umzusetzen. Wir haben hier ein Mentalitätsproblem Wir haben weder Lust auf Veränderung noch wollen wir branchenübergreifend zusammenarbeiten“, kritisierte im Rahmen einer Paneldiskussion auf dem VKU-Stadtwerkekongress in Leipzig. Positiv hervor hob sie in dem Zusammenhang aber das 2021 gegründete Stadtwerkenetzwerk "Digitale Daseinsvorsorge" und lobte auch die "hervorragenden" Innovationen der Finalisten beim diesjährigen Stadtwerke AWARD.
Der Begriff Smart City habe ein Imageproblem und gelte als problembehaftet, kompliziert und wenig partizipativ. „Es fehlt an einem Rechtsrahmen, die Lösungen sind komplex und teils technisch unausgereift“, so Etezadzadeh weiter. Im Gegensatz zu manch anderen Ländern mangele es in der deutschen Wirtschaft und Industrie zudem an der notwendigen Risikobereitschaft, um Dinge auszuprobieren. "Das hemmt ein Stück weit die Innovation".
Etezadzadeh: "Vermisse einen Baukasten für Stadtwerke-Chefs"
Seit Jahren fehle es an entsprechenden Standards und einem entsprechenden Rechtsrahmen. „Ich vermisse außerdem einen Baukasten, in den ein Bürgermeister oder Stadtwerkechef reingreifen etwas ausprobieren kann“, verdeutlichte sie. Kontraproduktiv sei auch der bestehende Förderrahmen für Start-ups und auch für Forschungsinstitute, den sie als „katastrophal“ bezeichnete.
„Wir brauchen ein Verständnis von Digitalisierung und einen Smart City-Begriff, der trägt. Das Thema ist nicht nice to have, sondern hilft uns, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten“, stellte sie klar.
Brosze: "Weg vom Ausprobieren hin zum Skalieren"
Die Mainzer Stadtwerke beschäftigen sich bereits seit einigen Jahren mit dem Thema intelligente Stadt. Man habe bereits einige gute Use Cases, etwa für die Bewässerung städtischer Baume oder aber die App-Erfassung der Belegung von Ladepunkte entwickelt, führte Stadtwerke-Vorstand Tobias Brosze aus.
Die Phase des Ausprobierens lasse man hier mittlerweile hinter sich und wolle die Skalierung in Angriff nehmen. „Hier stellen wir fest, dass die Kommunen sich teils schwer tun, in solche Anwendungen zu investieren.“
"Muss sich immer noch rechtfertigen für solche Projekte"
Das Thema Smart City scheitere aktuell noch oft an den fehlenden Ressourcen im Gesamtsystem. Wichtig sei es für Stadtwerke, hier die Chancen zur Kooperation und zur Skalierung zu nutzen. Gerade interkommunale Kooperationen müssten dauerhaft finanziell gefördert werden. Zentral sei aber auch ein anderes Verständnis für die Wertigkeit und Sinnhaftigkeit derartiger Aktivitäten beim Gesetzgeber und den Aufsichtsbehörden.
„Es kommt immer noch vor, dass man sich vor dem Landesrechnungshof rechtfertigen muss, wenn man 50000 Euro für ein solches Digitalprojekt investiert hat, oder es wird bezweifelt, ob es die Aufgabe eines Stadtwerks ist, mit einem Start-up zu kooperieren.“ Dies könne schon begünstigen, dass die Digitalisierung "hinten runterfalle".
Wissing: "60 Prozent der Kommunen noch ohne Ladepunkt"
Dass das Bundesministerium für Digitales und Verkehr den Status Quo in Sachen Digitalisierung grundsätzlich sehr positiv bewertet, wurde beim per Video eingespielten Grußwort von Minister Volker Wissing deutlich. Er hob die vielen konkreten Ziele in der kürzlich vorgestellten neuen Digitalsiisierungsstragie des Bundes hervor, etwa, dass bis 2025 rund 50 Prozent der Haushalte Zugang zu Glasfaseranschlüssen haben.
Mit Blick auf die Elektromobiilität lobte er die Stadtwerke für als.“Pioniere“ beim Aufbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur. „Allerdings verfügen auch 60 Prozent der Kommunen noch über keinen einzigen Ladepunkt“, kritisierte er. Dort hätten die Bürger keinen Anreiz, sich ein E-Auto anzuschaffen.
VKU-Hauptgeschäftsführer weist Kritik zurück
VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing wies dies in seinem anschließenden Statement zurück. „Ich komme aus Nordfriesland. Dort gibt es viele selbständige Kommunen mit nur einigen Hundert Einwohnern. Da stellt allein aus betriebswirtschatlichen Gründen niemand eine Ladesäule hin und dennoch kaufen die Leute É-Autos.“
Er frage sich zudem, ob die Zielvorgabe von einer Mio. Ladesäulen wirklich notwendig sei, und ob man nicht viel mehr den Ausbau der Schnellladesäulen deutlich forcieren sollte.
Level-Playing-Field mit privaten Anbietern
Damit kommunale Unternehmen die digitale Daseinsvorsorge und auch die Entwicklung entsprechender Geschäftsmodelle vorantreiben, benötige man ein Level-Playing-Field mit privaten Anbietern – gerade auch beim Umgang mit Daten. Zentral sei hier vor allem, dass Stadtwerke nicht durch das Landes- und Gemeindewirtschaftsrecht bei der Entwicklung von Lösungen behindert werden.
Auch Liebing bezeichnete viele Förderprogramme als zu kompliziert. Zum Teil gebe es hier auch noch oft handwerkliche Fehler. Als Beispiel nannte er ein Förderprogramm, das sich ausdrücklich an Stadtwerke gewandt habe. Im Kleingedruckten sei aber vermerkt gewesen, dass an diesem Unternehmen, mit einem öffentlichen Anteil von 25 Prozent gemäß der KMU-Definition der EU, nicht partizipieren können. Wichtig sei es jetzt, Tempo in die Umsetzung der Digitalisierungsstrategie des Bundes zu bringen, forderte Liebing.
BVG-Chefin: "In Plattformen Use Cases entwickeln"
Vor allem Vernetzung sei für Gelingen der digitalen Transformation zentral, erklärte Eva Kreienkamp, Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). „Zusammen auf Plattformen verschiedene Lösungen anbieten, sodass daraus Use Cases werden, die von Nutzerinnen und Nutzern angenommen werden.“ Die BVG etwa sammle mit der Mobilitätsplattform Jelbi "alles ein", was mit Sharing und Pooling zusammenhänge. Damit könne man einen hohen Nutzen für die Mobilitätsanwender in Berlin erzeugen.
Im Bereich der E-Mobilität sieht sie große Fortschritte bei der Entwicklung der Reichweite und der Intelligenz der E-Busse. "Die eigentliche Herausforderung ist jetzt der gesamte Umbau des Betriebs und der Betriebshöfe bei gleichzeitigem Bestehen von fossilen und elektrischen Antrieben", sagte sie. Die BVG wollen bis 2030 die komplette Flottte von über 1600 Bussen auf Elektroantrieb umgestellt haben.
Die Reichweiten der Busse lägen jetzt bereits zwischen 250 und 400 Kilometern. "Wichtig ist, dass wir uns bewusst machen, dass es nicht nur um Ladepunkte geht. Es geht auch um die Art, wie die Fahrpläne gemacht werden. Wir müssen die Daten, die aus diesen Bussen herauskommen in Kombination mit den Daten aus den Fahrplänen so hinkriegen, dass wir das optimal gestalten". Die Innovationen rund um das Thema Elektromobilität würden sich, jetzt wo das Thema greifbar werde, weiter entwickeln. Dann werde man sich nicht mehr über das Thema Reichweite unterhalten, sondern darüber, ob es autonome elektrische On-Demand-Busse geben werde. (hoe)


