Der Konzernumsatz der Pfalzwerke lag im vergangenen Jahr bei knapp 1,5 Mrd. Euro, das Ebit kletterte erstmals über die 100 Mio.-Euro-Marke. Über 1300 Mitarbeitende arbeiten für den Regionalversorger aus Ludwigshafen. Seit 2004 ist Werner Hitschler im Vorstand der Pfalzwerke AG. Der Kaufmännische Vorstand bildet zusammen mit dem im Mai 2021 von BS Energy nach Ludwigshafen gewechselten Paul Anfang das Führungsduo.
Ende September scheidet Hitschler aus dem Unternehmen aus, sein Nachfolger wird der bisherige Vorstand der Pfalzwerke Netz AG, Marc Mundschau. Im ZfK-Interview geht es vor allem um die Herausforderungen durch die Energiekrise, ganz am Schluss zieht Werner Hitschler aber auch noch mal Bilanz, wie sich das Unternehmen in den vergangenen 20 Jahren entwickelt hat.
Herr Hitschler, wie weit sind Sie bei der Umsetzung und der Information der Kunden über die Gasumlage?
Werner Hitschler: Wir machen Gasvertrieb für Großkunden im Portfoliomanagement und vertreiben Gas über unsere bundesweite Marke 123energie. Die Gasumlage ist handwerklich schwierig umzusetzen. Sie kommt zu kurzfristig und ist beispielsweise im Hinblick auf die Umsatzsteuer einfach schlecht kommuniziert. Die Lösung ist tragfähig, damit der Gasimport nicht zusammenbricht, aber nicht genial, da Sie zu Mitnahmeeffekten bei Großkonzernen und der Sozialisierung von Verlusten führt.
Wie weit sind die Pfalzwerke bei der Energieeindeckung für 2023 und die folgenden beiden Jahre?
Hitschler: Für das laufende Jahr sind wir auf der sicheren Seite. Für 2023 sind wir stromseitig weitgehend eingedeckt. Wir halten grundsätzlich sehr eng an unserer langfristigen, strukturierten Beschaffungsstrategie fest und wollen alle spekulativen Elemente aus dem Energieeinkauf und der Bepreisung des Endkundensegmentes rauslassen.
Ein Aussetzen von definierten Beschaffungsscheiben oder einer Back-to Back Beschaffung bei Vertragsabschluss ist brandgefährlich, weil die Preisentwicklung und die -schwankungen derzeit extrem sind, der Vertrieb allerdings Planungssicherheit für seine Kalkulation benötigt.
"In der Hoffnung auf sinkende Preise ist bei der Beschaffung hier zu lange gewartet worden. (Werner Hitschler)
Wie ist der Eindeckungsgrad bei den Gewerbe- und Industriekunden der Pfalzwerke? Laut Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages waren vor einigen Wochen viele für 2022 noch zu beträchtlichen Teilen nicht eingedeckt.
Hitschler: Das ist keine generelle Entwicklung. In der Hoffnung auf sinkende Preise ist bei der Beschaffung hier zu lange gewartet worden. Wir raten allen unseren Kundinnen und Kunden zu ähnlichen Strategien, wie wir sie auch befolgen. Auch den 25 bis 30 Stadtwerken, für die wir Energie beschaffen. Ein, zwei Stadtwerke sind diesem Rat nicht gefolgt und mussten das zum Teil durch deutlich über dem Durchschnitt liegende Preiserhöhungen kompensieren.
Wenn die Gas- und Strompreise wieder sinken sollten, muss man schnell reagieren können. Wie gut sind Sie hierauf vorbereitet?
Hitschler: Unser Beschaffungshandel ist ganz nah an den Marktentwicklungen dran und verfolgt genau die Entwicklungen von Nachfrage und Angebot - beispielsweise die derzeit mangelhafte und damit preistreibende Verfügbarkeit von Kernkraft aus Frankreich - und versucht auch für die Frontjahre sich eine Marktmeinung zu bilden. Diese wird dann zu einer längerfristigen Beschaffungsstrategie verschriftlicht und mit dem Risikocontrolling abgestimmt.
Wenn die Preise deutlich sinken sollten, kommen aber auch die „Stromios“, die vorher die Kunden abgeworfen und sich ganz einseitig optimiert haben, aufs Parkett zurück. Sie werden versuchen, die dann für sie günstigen Beschaffungskonditionen mit kurzfristigen Eindeckungen zu nutzen, um uns dann wieder die Kunden abzugraben. Hier muss die Regulierungsbehörde einschreiten und gesetzlich Vorschub leisten.
"Im Winter und im ersten Quartal 2023 wird es beim Thema Forderungsüberwachung und Forderungsausfälle sicher zu Anspannungen kommen. (Paul Anfang)
Herr Anfang, wie sehen Sie die Pfalzwerke in Sachen Risikomanagement aufgestellt?
Paul Anfang: Wir steuern noch intensiver und engmaschiger, auch im Liquiditätsmanagement. Die Limits für die Lieferpartner wurden entsprechend der Marktlage angepasst und werden auch entsprechend gemonitort. Wir schauen uns natürlich sämtliche Zahlungseingänge an. Aktuell haben liquiditätsseitig keine Probleme, sehen hier aber in Zukunft Herausforderungen – je nachdem wie sich die Energiebranche in Summe entwickelt. Das Thema Forderungsüberwachung, Forderungsausfälle und Working-Capital-Management sind für uns natürlich Dauerthemen. Im Winter und im ersten Quartal 2023 wird es da sicherlich zu Anspannungen kommen.
Die Bezahlbarkeit von Energie treibt die Branche um. Auf was stellen Sie sich ein im Herbst?
Anfang: Wir haben 450.000 Privat- und Gewerbekunden und bereiten uns darauf vor, dass es vermehrt zu Rückfragen kommen wird. Wir wollen auf möglichst individuelle Lösungen setzen und nicht auf Eskalation. Wir haben eine Abteilung, die sich sehr frühzeitig darum kümmert, wenn bestimmte Anzeichen für Zahlungsschwierigkeiten existieren. Interessant ist aber auch, dass wir die meisten Anfragen aktuell zum Thema Versorgungssicherheit erhalten.
"Seit längerem wird prophezeit, dass über 900 Stadtwerke auf Dauer zu viel sind, bisher ist das gut gegangen. Das kann sich nun ändern.
Die Ausfallrisiken haben auf jeden Fall noch einmal eine ganz andere Dimension als jemals zuvor. Es gibt keine Blaupause für solche Preiserhöhungen. Ich rechne damit, dass 2023 ein ganz hartes Jahr wird. Der Markt wird sich ein Stück weit bereinigen. Die Energieversorger, die ihre Prozesse beherrschen, müssen sich keine Sorgen machen. Seit längerem wird ja prophezeit, dass über 900 Stadtwerke auf die Dauer zu viel sind, bisher ist das gut gegangen. In den nächsten zwei Jahren kann sich das ändern, einige Versorger werden das zu spüren bekommen.
Rechnen Sie damit, dass einige Stadtwerke komplett vom Markt verschwinden oder dass es Kooperationen und Übernahmen durch Energiekonzerne zunehmen?
Anfang:
Ja, ich gehe davon aus, dass Kooperationen und Zusammenschlüsse, aber auch Übernahmen in den nächsten zwei Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen werden.
Die Pfalzwerke sind heute ein viel stärker unternehmerisch ausgerichtetes Unternehmen, das schnell entscheiden kann. (Werner Hitschler)
Herr Hitschler, die letzte Frage geht noch Mal an Sie. Sie sind seit 2004 im Vorstand der Pfalzwerke. Vorher waren Sie in Führungspositionen bei BASF, der Deutschen Bahn und den Heidelberger Druckmaschinen. Ende September gehen Sie in den Ruhestand. Wo standen die Pfalzwerke in ihren Anfangsjahren, wo stehen sie heute?
Hitschler:
Die Pfalzwerke haben sich in meiner langen Zeit im Vorstand mehrfach neu erfunden. Meine Aufgabe war es, das Unternehmen an neue Marktgegebenheiten anzupassen. Mir war wichtig, dass nach der Liberalisierung des Strommarktes mehr Finanz-, Kunden- und Marketingsicht ins Unternehmen kommt. Ich erinnere mich noch daran, wie 2007 die Tarifpreisgenehmigung bei der heutigen Regulierungsbehörde in Mainz wegfiel. Ein Bereichsleiter meinte damals entsetzt zu mir, jetzt müssen wir die Preise selbst bestimmen. Ich sagte ihm, das sei doch jetzt unsere Chance. Damals haben wir mit 123energie eine überregionale Energiemarke gegründet, mit der wir heute erfolgreich am Strom- und Gasmarkt vertreten sind.
Ich denke insgesamt haben wir es ganz gut gemacht über die Jahre, sonst hätten wir nicht beispielsweise im letzten Jahr ein sehr gutes Konzernergebnis in eher turbulenten Zeiten erzielen können. Finanzielle Stabilität, schlanke Prozesse, eine ständig verbesserte Kostenstruktur, eine innovative und kreative Ausrichtung auf das, wofür Kunden bereit sind einen guten Preis zu bezahlen, sowie die Erschließung neuer Märkte außerhalb des Netzgebietes – auch im Ausland – stellen einige der Bestandteile des Erfolgsrezeptes dar. Die Pfalzwerke sind heute ein viel stärker unternehmerisch ausgerichtetes Unternehmen, das schnell entscheiden kann und auch mal Geld in die Hand nimmt, um etwas auszuprobieren, Innovationen anzustoßen und marktfähige neue Produkte zu entwickeln.
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