Ansprechpartner vor Ort – das Kundenzentrum der Stadtwerke Aurich

Ansprechpartner vor Ort – das Kundenzentrum der Stadtwerke Aurich

Bild: © Stadtwerke Aurich

Neun Mitarbeiter umfasst das Team der Stadtwerke Aurich. Sie werden werden übermorgen, am Donnerstag (20. Februar), der Stadtratssitzung beiwohnen. Es steht viel auf dem Spiel, es geht um die Zukunft des Unternehmens. Die Optionen reichen von einer stillen Liquidation, dem Verkauf des Vertriebs mit oder ohne Netzoption bis hin zur Fortführung des Vertriebsgeschäfts in reduziertem Umfang. So steht es in einem Konzeptpapier, das Stadtwerke-Geschäftsführerin Heike Witzel im Auftrag des Aufsichtsrates erarbeitet hat. Der Hintergrund: Der im vergangenen Jahr neu gewählte, parteilose Bürgermeister Horst Feddermann will die Stadtwerke seit Monaten abwickeln – vor allem wegen des immer noch defizitären Vertriebsgeschäfts und des andauernden Tauziehens um die Strom- und Gasnetzkonzessionen. Auch die Unterstützung des sich in einer Krise befindlichen Minderheitsgesellschafters Enercon für den lokalen Energieversorger ist offenbar nicht mehr vorhanden.

"Es gibt Interessensbekundungen, aber keine Verkaufsgespräche"

Die Stadtwerke hoffen auf eine Fortführung des Vertriebsgeschäfts, im besten Fall unter der heutigen Marke. Wie die Abstimmung im Auricher Stadtrat mit seinen acht Fraktionen ausgeht, ist laut ZfK-Informationen aber völlig offen. Medienberichte, dass der Platzhirsch EWE bereits ein Kaufangebot vorgelegt haben soll, weisen die Stadtwerke Aurich zurück. "Es gibt erste Interessensbekundungen einzelner Unternehmen, aber keine Verkaufsgespräche", heißt es. Letztlich gehe es am Donnerstag in erster Linie um ein Mandat für die Stadtwerke-Geschäftsführung, die weitere Zukunft des Unternehmens zu gestalten und beispielsweise in mögliche Verkaufsgespräche einzusteigen. "Oberste Priorität hat hierbei für uns die Schaffung einer Perspektive für alle Mitarbeiter", erklärte ein Stadtwerke-Sprecher. Gesellschafter des Unternehmens sind die Stadt (60 Prozent) und der Windkraftanlagenbauer Enercon (40 Prozent).

Eine Liquidation wird vom Auricher Bürgermeister favorisiert. Bei diesem Szenario würde laut der Beschlussvorlage der aktive Vertrieb bereits Ende März dieses Jahres eingestellt. Zudem würde die Zahl der Mitarbeiter "auf das notwendige Niveau" abgebaut und eine Interimsgeschäftsführung eingesetzt. Mit Beendigung der Lieferverträge zum 31.12. 2022 wären die Stadtwerke Aurich nur noch eine Hülle und könnten dann liquidiert werden. Dienstleistungsverträge mit Gelsenwasser laufen noch bis Ende 2021.

20 Prozent der Neukunden über Online-Kanal

Der Arbeitsplatzerhalt und die Weiterentwicklung des Vertriebsmarke "Stadtwerke Aurich" stehen hingegen im Fokus der zweiten möglichen Option: Der Fortführung des Vertriebs in reduziertem Umfang. In diesem Szenario würde ein Teil der Mitarbeiter bis Ende Juni dieses Jahres ab- und im Gegenzug der Online-Vertrieb ausgebaut. Auf diesen entfallen mittlerweile rund 20 Prozent des Neukundengeschäfts. Zudem würde die Zusammenarbeit mit der Stadt Aurich, beispielsweise über konkrete Quartierskonzepte, den Ausbau der Ladeinfrastruktur und Themen wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit noch stärker ausgebaut. Zudem würde eine Regionalstromplattform zur Vermarktung regenerativer Energieanlagen realisiert. Auch die Aufnahme eines dritten Gesellschafters wäre in diesem Szenario denkbar, beispielsweise eines anderen Stadtwerkes.

Die dritte Option, ein Verkauf des Vertriebs, wird vor allem von Minderheitsgesellschafter Enercon favorsiert. Der Windkraftanlagenhersteller hält 40 Prozent der Anteile an den Stadtwerken, die Stadt Aurich 60 Prozent. Bei einem Verkauf könnte über einen Erhalt der Arbeitsplätze mit dem Käufer verhandelt werden. Ob dieser die Marke Stadtwerke Aurich weiterführen würde, sei aber ungewiss. Sollte EWE die Kunden übernehmen, wird ein Verschwinden der Marke prognostiziert.

Gemeinsame Netzgesellschaft mit EWE gescheitert

Der Stadtwerke Aurich hatten 2011 und 2017 den Zuschlag für Strom- und Gasnetzkonzession erhalten, beide Male setzte sich EWE erfolgreich gerichtlich dagegen zur Wehr. Seit 2012 führt EWE den Netzbetrieb in Aurich kommissarisch weiter, der Oldenburger Energiekonzern ist seit Anfang der 1960er Jahre Netzbetreiber in Aurich. Die Gründung einer gemeinsamen Netzgesellschaft, an der EWE  51 Prozent der Anteile und die Stadtwerke die restlichen 49 Prozent übernehmen sollten, scheiterte im Herbst vergangenen Jahres. Der Aufsichtsrat der Stadtwerke begründete dies mit überhöhten Kaufpreisforderungen von EWE für den entsprechenden Antei am Netzeigentum.

EWE hat der Stadt Aurich angeboten, die Netze zu den im Vergabeverfahren angebotenen Konditionen zu betreiben. Diese Offerte gilt bis Ende Juni. Neu ausschreiben muss die Stadt das Verfahren allerdings nicht. Sie kann laut den Stadtwerken das zweite Konzessionsverfahren zur Vergabe der Strom- und Gasnetze an den Punkt Verfahrensfehler zurücksetzen. Bleiben sowohl die Stadtwerke als auch EWE im Verfahren, muss die Stadt einen neuen Verfahrensbrief mit angepasster Bewertungsmatrix zur Verfügung stellen. Die Anbieter geben dann ein neues, angepasstes Angebot ab. Die Stadtwerke Aurich können aber nach eigenen Angaben aktuell den Netzbetrieb nicht realistisch gewährleisten, der Betriebsführungsvertrag mit BS Energy ist ausgelaufen.

Über 4000 Haushalts- und Gewerbekunden

Der Lokalversorger könnte aber - und darum geht es in Option vier -  einem potentiellen Käufer neben dem Vertrieb auch den Platz im Konzessionsverfahren verkaufen (Netz-Option). Die Stadtwerke waren 2017 in den Vertrieb eingestiegen und versorgen aktuell nach eigenen Angaben etwas mehr als 2.000 Haushaltskunden sowie weitere 2.000 gewerbliche und kommunale Abnahmestellen mit Strom und Gas. Für das laufende Jahr wird mit einem Absatzvolumen von circa 15 bis 20 GWh im Strombereich und von knapp 40 GWh im Gasbereich gerechnet. Auch Energiedienstleistungen, wie Solarpachtmodelle oder den Verkauf von Ladesäulen, umfasst das Portfolio. (hoe)

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