Michael Böddeker ist seit Mai dieses Jahres Alleingeschäftsführer der Stadtwerke Neumünster.

Michael Böddeker ist seit Mai dieses Jahres Alleingeschäftsführer der Stadtwerke Neumünster.

Bild: © SWN

Michael Böddeker (56) ist eine Art Feuerwehrmann der Energiebranche. Der erfahrene Sanierungsexperte hat zwischen Ende 2015 und März diesen Jahres die vor einer Fast-Insolvenz stehenden Stadtwerke Völklingen mit einem straffen Restrukturierungskurs erfolgreich neu ausgerichtet. Im Mai wechselte der Jurist in die Geschäftsführung der kriselnden Stadtwerke Neumünster-Gruppe, seit Anfang diesen Monats ist er dort Alleingeschäftsführer. Im gestern erschienenen ersten Teil des ZfK-Interviews äußert er sich vor allem zum Stand der Restrukturierung, zur Kapitalsituation und dem Verhältnis der SWN zu den Banken. Im zweiten Teil geht es nun unter anderem um die Digitalisierungsstrategie, die Perspektiven m Telekommunikations- und Glasfasergeschäft, aber auch darum, was für Böddeker den Reiz des Krisenmanagements ausmacht.

Herr Böddeker, wie sieht die künftige Digitalisierungsstrategie der SWN aus und wo stehen die SWN aktuell punkto Digitalisierung?

Kernthema unserer Strategie ist die weitere Digitalisierung von Kundenschnittstellen und Geschäftsprozessen. Ein weiterer Schwerpunkt ist Big Data, die Verknüpfung der Informationen aus den einzelnen Geschäftsfeldern, umso unsere Kundenbeziehungen auszubauen und beispielweise individuelle spartenübergreifende Angebote erstellen zu können. Zurzeit analysieren wir alle Projekte und Geschäftsprozesse, um die größten Potentiale zu identifizieren und effizient die Digitalisierung weiter voranzubringen.

Eine große Baustelle ist die IT, hier ist eine spartenübergreifende Softwarelösung vorgesehen. Was ist hier genau der Stand der Planungen?

Grundsätzliche Zielstellung ist, alle Abläufe und Prozesse im Konzern zu strukturieren und bestmöglich zu automatisieren, Schnittstellen abzubauen, die Informationsflüsse sowie Effizienz zu verbessern. Und was natürlich am Wesentlichsten ist, die Kosten zu senken. Zusätzlich wollen wir auch eine eindeutige Datenbasis für gesicherte Informationen zur Steuerung der Geschäftsfelder schaffen. Aktuell sind beispielsweise im Konzern historisch bedingt zwei ERP-Lösungen im Einsatz, die allerdings nur zum Teil spartenübergreifend sind. Beide eingesetzte Lösungen bieten einen ganzheitlichen Ansatz und lösen die Anforderungen, die sich für ein Unternehmen in unserer Größenordnung ergeben. Aber wir prüfen auch alternative Softwarelösungen in diesem Zusammenhang.  

Können Sie das ein bisschen genauer ausführen?

Perspektivisch benötigen die Stadtwerke Neumünster einen Strauß von Instrumenten, um den Anforderungen des Wettbewerbes, des Marktes aber – was noch viel wichtiger ist – den Wünschen unserer Kunden folgen zu können. Dies erfordert ein hohes Maß an Innovation. Durch die Skalierungsmöglichkeiten der Entwicklungskosten – welche durch viele ähnliche Anwender und die damit einhergehende größtmögliche Standardisierung erreicht wird - werden die Folgekosten für die Stadtwerke Neumünster stets kalkulierbar und vertretbar sein. In diesem Jahr soll es eine Richtungsentscheidung geben, ob wir mit beiden Systeme über eine neue Definition von Schnittstellen weiterarbeiten oder ob wir uns in einer anderen Produktumgebung besser aufgehoben sehen.

Wie beurteilen Sie die Größe der Herausforderung in Neumünster im Vergleich zu Völklingen und von welchen Ihrer Erfahrungen aus Völklingen können die SWN gegebenenfalls profitieren?

Die Stadtwerke Neumünster befinden sich 2019 in einer ganz anderen Situation als die Stadtwerke in Völklingen in 2015. Damals stand Völklingen quasi kurz vor der Insolvenz. Zunächst hat Neumünster in jeder Hinsicht eine gute Substanz, hat darüber hinaus gut funktionierende interne Strukturen. Insgesamt ist die Situation hier in Neumünster aber sehr viel komplexer als in Völklingen. Beispielsweise haben wir ein Kraftwerk auf dem Hof stehen, welches die Fernwärme für die Stadt sicherstellen muss. Dazu noch den Ausbau von Glasfaserinfrastruktur in der Fläche, der bewältigt werden muss. Wir werden letztlich im Endausbau ein Viertel der Fläche von Schleswig-Holstein mit Glasfaser bedienen.

Und das Ganze befindet sich unter einem Dach und nicht in separaten Gesellschaften. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Von dem wirklich schönen Hallen- und Freibad möchte ich in diesem Kontext nicht sprechen. Mit schwimmenden Lebewesen im Wasser kenne ich mich seit Völklingen ja aus. Einbringen kann ich sicherlich die Erfahrung, dass Krisen auch immer große Chancen sind, um sich komplett zu erneuern. Ich weiß auch, dass Krisen eine Chance für motivierte Mitarbeiter sind, die Zukunft des Unternehmens und damit auch die eigene mitzugestalten. Bei den SWN gibt es einen großen Kreis an Leuten, die das verstanden haben und ich bin stolz auf diese Mannschaft. Und nicht zuletzt habe ich die Erfahrung gemacht, dass es extrem wichtig ist, ruhig zu bleiben, sich nicht beirren zu lassen und Kurs zu halten, egal wie es gerade stürmt. Das können ja die Menschen im Norden von Natur aus. 

Die Erschließung neuer, zukunftsfähiger Geschäftsfelder war ein großes Thema in Völklingen, was planen Sie hier in Neumünster?

Wie schon gesagt, wir sind nicht in Völklingen, sondern in Neumünster. Wir wollen über die zentrale Position des Produktmanagements der Infrastrukturdienstleister und Effizienzmanager für Neumünster und die Region werden. Dazu werden wir alleine und mit Partnern ein breites Portfolio an Produkten und Dienstleistungen aufbauen. Über konkrete Produkte und Aktivitäten möchte ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts sagen.

Wie bewerten Sie die Ertragsperspektiven für die Telekommunikationssparte?

Datenübertragung ist ein wesentliches Zukunftsfeld und benötigt leitungsgebundene Infrastruktur. Diese Infrastruktur bauen wir für ein Viertel der Fläche des Landes Schleswig-Holstein, bis jetzt haben wir 40.000 Kunden unter Vertrag. Ich gehe davon aus, dass uns niemand überbauen wird. Wir arbeiten hier aktuell an einem wichtigen Standortfaktor für viele Gemeinden und kommen da auch gar nicht in Kollision mit Mobilfunkbetreibern. Diese Infrastruktur benötigen auch zukünftige Mobilfunkstandards.

Wir sind auf einem guten Weg hier mittelfristig einen wesentlichen Teil der Konzernwertschöpfung zu generieren. Sicherlich noch nicht sofort, aber mittelfristig. Nicht ohne Grund haben schon Unternehmen angefragt, ob und wie sie mit uns zusammenarbeiten können. Ich bin absolut überzeugt von diesem Geschäftsfeld.

Immer wieder dringen in Neumünster Interna aus Gremiensitzungen an die Öffentlichkeit. Laut Ihrem Vorgänger Bernd Michaelis hat das die Gespräche mit den Banken erschwert. Wie wollen Sie das abstellen und wie wollen Sie als externer Neuling Ruhe in dieses Umfeld reinbringen?

Ich werde alle Unterlagen für Gremiensitzungen zuerst in den Zeitungen und im Internet veröffentlichen lassen. Das erspart Portokosten und vermeidet Missverständnisse. Aber mal im Ernst: Als Geschäftsführung können und müssen sie auf die Vertraulichkeit von Gremien bauen. Diejenigen, die Dinge nach außen tragen, sollten sich immer bewusst sein, dass diese Öffentlichkeit nicht im Sinne des Unternehmens sein kann. So, wie ich die Gremien bisher kennengelernt habe, ist dieses Bewusstsein in Neumünster auch mehr als vorhanden.

Die Gründe für Ihr Ausscheiden in Völklingen sind nie ganz klar kommuniziert worden. Was gab den Ausschlag und stimmt es, dass Sie bei den SWN einen zeitlich unbefristeten Vertrag unterzeichnet haben wie in der Lokalpresse zu lesen war?

Die Dinge in Völklingen sind geregelt, nachdem alle Wege für eine erfolgreiche Zukunft des städtischen Versorgers geebnet waren. Da ist es dann auch logisch, dass mich die Situation eines großen Flächenversorgers in der speziellen Situation von SWN sehr sehr gereizt hat. Insoweit war es einfach der richtige Zeitpunkt für mich zu gehen, zumal mit meinem Nachfolger in Völklingen, Julian Wollscheidt, alle Dinge optimal weitergeführt werden können.

Es ist richtig, dass ich in Neumünster einen unbefristeten Vertrag unterschrieben habe. Dies ist aber auch nur konsequent, zumal es eine gewisse Zeit brauchen wird, bis das Unternehmen so aufgestellt ist, dass es in allen Bereichen wieder ganz vorne mit dabei ist.

Was reizt Sie immer wieder als Feuerwehrmann bei vermeintlichen Krisen- oder Sanierungsfällen einzuspringen?

Ich mag die Umfelder, in denen man situationsbedingt viel bewegen kann. Dies ist auch in Neumünster der Fall. Und da ich überzeugt bin, dass wir das auch schaffen werden, ist das für mich kein Druck, sondern eher eine persönliche Herausforderung. Ebenso war das auch in Völklingen der Fall, das Stadtwerk hatte eigentlich über Jahre niemand mehr auf dem Radar.

Auch hier macht es Spaß Leute mitzunehmen, Kolleginnen und Kollegen mitzunehmen und diese Krisensituation zu etwas Positivem zu gestalten. Deshalb empfinde ich das nicht als Druck - weil ich tatsächlich Bewegung und Veränderung in Unternehmen bringen kann. Es gibt als Unternehmer im kommunalen Bereich nichts Schöneres als so etwas machen zu können.

Aber das heißt, wenn die Krise gelöst und zukunftsfähige Strukturen gelegt sind, dann wird es Ihnen langweilig und Sie brauchen eine neue Aufgabe?

Nein. Zum einen werde ich langsam etwas älter. Außerdem habe ich sehr bewusst meinen Wohnsitz nach Neumünster verlegt. Ich würde gerne schon die nächsten Jahre hier bleiben, weil mir die Menschen und die Landschaft gefallen und das Unternehmen ein irrsinniges Potenzial hat. Da reichen zwei, drei Jahre nicht aus, um das in voller Kraft auf die Piste zu bringen. Was ich aber sicherlich weiterhin tun werde ist, Aufsichtsgremien Hinweise zu geben, wie Krisen erkannt, verhindert oder beseitigt werden können. (Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)

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