Herr Langmaack, MVV Trading hat ihr Portfolio in der Direktvermarktung auf 5700 MW deutlich ausgebaut. Im Juli 2023 waren es noch 4400 MW gewesen. Was waren dafür die Faktoren?
Wir hatten uns ein ambitioniertes Wachstumsziel gesetzt, aber grundsätzlich nicht zu Lasten der Preisstellung. Wir sind davon überzeugt, neben attraktiven Produkten auch einen sehr guten Service anzubieten. Das umfasst neben der klassischen Direktvermarktung auch alle damit zusammenhängenden Produkte, wie etwa Post EEG aber auch Power Purchase Agreements (PPA) oder Power Sales Agreements (PSA). Durch das Angebot eines kompletten Produktportfolios können wir Kunden über die klassische Direktvermarktung gewinnen und hin zu komplexen Produktlösungen entwickeln. Dass wir jetzt so erfolgreich waren, ist ein besonderer Vertriebserfolg.
Wie hart war der Wettbewerb 2023?
Bei der klassischen Direktvermarktung bewegen wir uns in einem etablierten und hart umkämpften Markt. Für uns war das aber nichts Neues. Das Jahr 2022 war aufgrund der hohen Energiehandelspreise geprägt von einer großen Nachfrage nach Terminkontrakten. 2023 hatten wir wieder eine verstärkte Rückkehr zur gesetzlichen Einspeisevergütung in der klassischen Direktvermarktung erlebt. Im Gegensatz zu einzelnen Wettbewerbern bieten wir allerdings konsequent nur Preise an, die wir auch verantworten können. Wir definieren uns nicht über die Portfoliomenge, sondern über ein adäquates Pricing für beide Seiten.
Setzen Sie dabei eher auf statische oder variable Risikoprämien?
Der Trend geht eindeutig zu variablen Risikoprämien, wenngleich wir MVV-seitig Kunden beide Optionen anbieten. Variable Entgelte ergeben grundsätzlich Sinn. Zum einen verliert der Kunde bei statischen Prämien die Chance, von einer besseren Marktpreiskonstellation zu profitieren. Zum anderen lernt der Kunde bei variablen Risikoprämien bereits an einem einfachen Produkt die Wirkungsmechanismen an den Energiemärkten. Wenn später der Übergang zu einer Terminvermarktung – etwa über Post EEG oder sogar PPA – ansteht, hat es der Kunde in der Beurteilung von Angeboten leichter, welcher in der Vergangenheit bereits mit variablen Prämien gearbeitet hat. In dem so aufgebauten Verständnis über Strommärkte sehen Kunden zunehmend Chancen, bei kalkulierbaren Risiken ebenfalls an den dynamischen Entwicklungen zu partizipieren
Wie ist das Verhältnis von statischen zu variablen Prämien in Ihrem Portfolio derzeit?
Bei den Altverträgen dominieren noch die festen Entgelte. Bei den neuen Abschlüssen halten sich die Verhältnisse in etwa die Waage.
Wie ist der Trend bei den PPAs: Welche Laufzeiten werden derzeit am stärksten nachgefragt?
Hier bewegen wir uns definitiv im kürzeren Bereich. Die Langfrist-PPAs von sieben bis zehn Jahren Laufzeit sind bislang eher selten. Der Markt ist hier noch nicht so weit, dass sich beide Seiten über relativ lange Zeit binden wollen. Beziehungsweise müssten beide Seiten etwaige Risikoprämien so hoch einpreisen, dass dadurch die Erlössituation nicht mehr immer den Erwartungen entspricht. Deshalb sehen wir aktuell eher PPAs mit einer Laufzeit von drei bis fünf Jahren.
Woher kommen die Interessenten für PPAs derzeit vor allem?
Gerade energieintensive Industriekunden sowie große Stadtwerke hatten das Thema schon länger auf dem Radar. Die kleineren und mittleren Stadtwerke, die wir primär durch unsere Tochtergesellschaft EnDaNet betreuten, ziehen jetzt nach. Die Produkte haben aufgrund der signifikanten Terminmarktrisiken einen höheren Erklärungsbedarf. Auf der anderen Seite ermöglichen sie Stabilität und langfristige, echte Vergrünung. Größere Abschlüsse finden derzeit aber noch überwiegend im B2B-Umfeld statt. Das sind zum Beispiel Handelskunden mit eigenem Bilanzkreis wie etwa die DB Energie, mit der wir kürzlich ein langfristiges PPA abgeschlossen haben. Industriekunden ohne eigenen Bilanzkreis werden unter Einbindung der MVV Trading durch unsere Schwestergesellschaft MVV Enamic bedient.
Manch großer Direktvermarkter hat sich im vergangenen Jahr kapitalstarke Anteilseigner ins Boot geholt, auch um liquider zu sein und im PPA-Geschäft zu expandieren. Wie liquide ist die MVV Trading?
MVV bietet durch eine vereinte Struktur unter anderem, von, Kraftwerken, Assets im Erneuerbaren-Umfeld, Netzen, Projektierung, Energiedienstleitungen bis hin zu den Vertrieben das komplette energiewirtschaftliche Portfolio an. Dadurch generieren wir auch entsprechende Cash Flows aus unterschiedlichen Geschäftsaktivitäten. Deswegen haben wir MVV-seitig auch keine Liquiditätsengpässe in den hochvolatilen Marktphasen gehabt, wie der ein oder andere Marktteilnehmer. Wir sind finanziell so stabil und stark, dass sich aus dem Liquiditätsmanagement heraus keine Restriktion hinsichtlich unserer MVV Trading Vertriebsaktivitäten ergibt.
Mittlerweile haben Sie auch Batteriespeicher in Ihr Portfolio aufgenommen. Welche Rolle spielt diese Zukunftstechnologie in der Direktvermarktung bei Ihnen?
Das Thema Speicher wird deutlich an Bedeutung gewinnen. Davon sind wir fest überzeugt. Die Flexibilitätsvermarktung wird gerade in der kurzfristigen Preisgestaltung extrem wichtig werden. Wir haben uns fest vorgenommen, unser Batteriespeicher-Portfolio weiter zu vergrößern. Wir werden hier zielgerichtet im Markt aktiv sein, um auch hier nachhaltig zu wachsen.
Sind die Speicher denn bereits rentabel?
Wir werden bereits im Jahr 2024 Batteriespeicher zur Flexibilitätsnutzung aktiv bewirtschaften und in dieses Geschäftsfeld weiter investieren. Mit dem aktuell noch überschaubaren Portfolio setzen wir Prozesse auf und etablieren uns als professioneller Partner in diesem zukunftsgerichteten Geschäftsfeld. Neben der technischen Bedeutung für die Energiewende, gewinnen Flexibilitätsprojekte zunehmend auch an strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung.
In welchen Bereichen wollen Sie Ihr Portfolio noch vergrößern?
Neben Batteriespeichern wollen wir im gesamten grünen Produktumfeld wachsen, auch weiterhin bei Wind und PV. Derzeit haben wir hier 4600 MW bei Wind und 1000 MW bei der Photovoltaik unter Vertrag. Bei der Biomasse wollen wir abwarten, wie sich die Gesamtgeschäftslage weiterentwickelt. Bislang ist das Geschäftspotenzial noch relativ überschaubar. Neben der klassischen Direktvermarktung sehen wir auch bei ausgeförderten Anlagen einen Zukunftsmarkt. Diese werden aktuell wegen der Preissituation vor allem über die Spotmärkte vermarktet. Hier erwarten wir aber einen Trend hin zur Terminvermarktung. Auch bei diesen Post-EEG-Anlagen wollen wir weiterhin ein verlässlicher Partner sein. Dazu stehen wir auch im Gespräch mit weiteren potenziellen Partnern und Kunden.
Übernehmen Sie als MVV Trading auch Anlagen, die die MVV-Tochter und Projektierungsgesellschaft JUWI errichtet?
Das kommt auch auf die wirtschaftliche Gesamtsituation an. Wir beachten hier neben der individuellen Ertragsstärke und -kontinuität auch immer die regionalen Konstellationen der Anlagen und streben in Summe ein relativ ausgewogenes Nord-Süd-Ost-West-Portfolio an, um gewisse Wetterkonstellationen ausgleichen zu können. In einzelnen Fällen ist es nicht ausgeschlossen, dass wir Anlagen zur Bewirtschaftung dann auch an externe Dritte geben und damit Risiken aus dem Portfolio herausnehmen. Aber sicherlich versucht MVV grundsätzlich – sehr erfolgreich – die Wertschöpfung im eigenen Haus zu generieren und zu halten.
Die Fragen stellten Andreas Baumer und Julian Korb.
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