Vielerorts sind der Gasvertrieb und die Gasnetze noch das Brot- und Buttergeschäft von Stadtwerken. Das wird sich bis 2045 ändern, bis dann will Deutschland annähernd klimaneutral sein. Die Wärmewende und die damit einhergehende Dekarbonisierung stellen die Branche vor eine immense Transformationsherausforderung.
Stilllegungen, Umwidmungen für die Nutzung von Wasserstoff, der Aufbau einer alternativen, grünen Wärmeversorgung, der Ausbau des Wärmevertriebs und die Erschließung alternativer Geschäftsfelder – all das treibt die Branche um. Gleichzeitig gibt es viele offene rechtliche und regulatorische Fragen und Unsicherheiten, auch mit Blick auf die Finanzierung und die Wahl der Abschreibungsmodalitäten. Darüber wollen wir in einer neuen Serie mit Stadtwerke-Verantwortlichen, Fachexperten und Beratern sprechen.
Haben Sie einen interessanten Input oder drängende offene Fragen? Dann sollten wir ins Gespräch kommen. Die Serie lebt von der Praxisnähe. Wir freuen uns über Ihre Meinung oder Ihre Impulse zum Thema. Schicken Sie entsprechende Vorschläge oder Rückfragen gerne an den ZfK-Redakteur Hans-Peter Hoeren unter h-hoeren(at)zfk(dot)de.
Im Rahmen unserer großen Gasnetz-Serie sind bisher bereits sieben Beiträge erschienen (darunter drei Fachbeiträge zur neuen Abschreibungs-Richtlinie Kanu 2.0. In der neuesten Folge geht es in den Lahn-Dill-Kreis ins hessische Wetzlar. Dort kämpft auch die Energie- und Wassergesellschaft (Enwag) damit, dass die Klimaziele eigentlich schnell Alternativen zum fossilen Gas erfordern. "Doch dafür fehlt der regulatorische Rahmen, um handeln zu können und wirtschaftlich zu bleiben", sagt Geschäftsführer Berndt Hartmann im Interview.
Herr Hartmann, wie wichtig ist das Gasgeschäft für die Enwag?
Es ist schon lange ist klar, dass die Klimaziele eine Umstellung auf erneuerbare Energien erfordern. Deshalb fördert die Enwag seit vielen Jahren erneuerbare Quellen und treibt die Energiewende vor Ort voran. In den letzten Jahren haben wir intensiv an einer alternativen Wärmeversorgung für Wetzlar gearbeitet, Wärmenetze aufgebaut oder erweitert und so gestaltet, dass der Anteil erneuerbarer Energien immer weiter hochgefahren werden kann.
Gerade hat die Enwag eine Einspeiseanlage südlich des nahe Wetzlars gelegenen Leun errichtet, um künftig Biomethan in das Netz der Enwag einzuspeisen. Für Biomethan gibt es weiteres Potenzial in Wetzlar, und auch mit Wasserstoff beschäftigen wir uns. Dennoch bildet das klassische Gasgeschäft eine tragende Säule im Kerngeschäft unseres Unternehmens.
Die im August 2024 in Kraft getretene EU-Richtlinie 2024/1788 über gemeinsame Vorschriften für die Binnenmärkte für erneuerbares Gas, Erdgas und Wasserstoff und der damit verbundene Zeitplan erfordern eine schnelle Transformation der Gasnetze. Die Entwicklung wird jedoch ausgebremst, weil auf Grund des aktuellen regulatorischen Rahmens bestimmte Schritte nicht möglich sind.
"Wie es mit dem Gasnetz weitergeht, wird sich in den nächsten zwei Jahren im Rahmen der Kommunalen Wärmeplanung konkretisieren."
Wie gehen Sie in Wetzlar mit der Stilllegung von Anschlüssen um? Wurden schon Straßenzüge stillgelegt?
Nein, so weit sind wir noch nicht. Für eine systematische Stilllegung des Gasnetzes gab es in Wetzlar bisher keinen Bedarf. Vereinzelt haben wir Anschlüsse stillgelegt, aber eine Stilllegung ganzer Straßenzüge oder größerer Gebiete gab es bisher nicht – und es zeichnet sich auch noch nicht ab. Wie es mit dem Gasnetz weitergeht, wird sich in den nächsten zwei Jahren im Rahmen der kommunalen Wärmeplanung konkretisieren.
Doch eines ist schon jetzt klar: Netzausbau findet in Wetzlar nicht mehr statt, unser Schwerpunkt liegt auf Wartung und Instandhaltung, denn die Versorgungssicherheit steht an oberster Stelle. Das Gasnetz der Enwag ist in einem guten Zustand, denn in den vergangenen Jahren musste zwangsläufig viel investiert werden: Wetzlar galt lange als Grauguss-Hauptstadt Deutschlands.
In den rund fünf Jahren zwischen 2018 und 2023 hat die Enwag deshalb eine flächendeckende Grauguss-Sanierung im gesamten Netzgebiet durchgeführt. Auch gehört Wetzlar zu den Gebieten, in denen eine Marktraumumstellung von L-Gas auf H-Gas erforderlich war. Beide Großprojekte sind längst abgeschlossen, beide Projekte waren wichtig, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Wie hilfreich ist Ihrer Meinung nach der bestehende regulatorische Rahmen, um die Transformation des Gasnetzes zeitnah anzugehen?
Wie andere Verteilnetzbetreiber haben auch wir mit dem Widerspruch zu kämpfen, dass die Klimaziele schnell Alternativen zum fossilen Gas erfordern, doch der regulatorische Rahmen fehlt, um handeln zu können – und dabei wirtschaftlich zu bleiben.
Ganz konkret frage ich mich: Wie ist die Handhabe eines Versorgers, wenn in einem Gebiet nur noch wenige Verbraucher am Gasnetz hängen, sodass es unwirtschaftlich wird? Wie gehen wir mit den Netzentgelten um, die in die Höhe schießen, weil sie sich auf immer weniger Anschlussnehmer verteilen? Ab wann kann ein Versorger sagen, dass der Umstieg auf eine alternative Wärmelösung verpflichtend ist?
Mit Paragraf 71k des Gebäudeenergiegesetzes, der 2024 in Kraft trat, ist immerhin ein Anfang gemacht: Wenn eine klimafreundliche Alternative besteht, kann per Rechtsverordnung geregelt werden, wann und unter welchen Bedingungen bestimmte Heizanlagen stillgelegt oder rückgebaut werden müssen. Das ist aber noch nicht ganz ausgereift. Denn laut Paragraf 36 des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) hat die Versorgungspflicht Priorität: Solange eine Konzession besteht und Haushaltskunden dort Gas beziehen wollen, bleiben wir versorgungspflichtig. Abgesehen davon ist die in Paragraf 71k genannte Frist für die Vorlage eines konkreten Wasserstoff-Fahrplans zum 30. Juni 2028 zu kurz. Das sollte überhaupt nicht befristet werden.
"Um die Transformation finanzieren zu können, sind definitiv noch weitere unterstützende Maßnahmen erforderlich."
Wie bewerten Sie die neue Abschreibungs-Richtlinie Kanu 2.0?
Die neuen Abschreibungsmöglichkeiten sind eine wichtige Stütze, damit die Transformation gelingen kann. Indem wir degressiv abschreiben, können wir die Refinanzierung der Gasnetzanlagen bis 2045 erreichen. Aber die Finanzierbarkeit der Transformation ist definitiv eine große Herausforderung, da sind weitere unterstützende Maßnahmen erforderlich.
Welche Rolle spielen Biomethan und Wasserstoff zukünftig in Wetzlar? Welche Wärmeversorgung kommt bei Ihnen infrage?
Für konkrete Schritte in die Zukunft nimmt der kommunale Wärmeplan eine wichtige Rolle ein. Die Frist für Wetzlar als Stadt mit unter 100.000 Einwohnern ist 2028, auch wenn die Ergebnisse schon im Laufe des kommenden Jahres vorliegen sollen. Die Enwag ist eng in die Prozesse des Wärmeplans eingebunden.
Wir sind zuversichtlich, dass wir im nächsten Jahr schon bessere Abschätzungen treffen können. Sicher ist, dass Fernwärme einen gewichtigen Baustein der zukünftigen Wärmeversorgung in Wetzlar bilden wird, jedenfalls in dicht besiedelten Gebieten. In Neubaugebieten setzt Wetzlar von vorneherein auf grünen Strom und Wärmepumpen. Für Biomethan besteht ebenfalls Potenzial, aber wir können damit nicht den gesamten heutigen Bedarf abdecken. Wasserstoff ist nach der aktuellen Kernnetzplanung für Wetzlar nicht zugänglich.
Vor diesem Hintergrund haben Verteilnetzbetreiber aus Nord- und Mittelhessen mit Unterstützung der Landes-Energie-Agentur Hessen (LEA) eine technische Machbarkeitsstudie für ein regionales Wasserstoffnetz ausgearbeitet. Die Studie zeigt auf, wie das Kernnetz erweitert werden könnte, damit auch unsere Region Wasserstoff bekommen könnte. Auch sind auf bundespolitischer Ebene neue Regelungen in Arbeit bezüglich des Wasserstoff-Hochlaufs und der Förderung – oder auch der Frage, ob blauer Wasserstoff klimaneutral ist. Diese Unwägbarkeiten erschweren beziehungsweise verlangsamen die Transformationsplanung vor Ort merklich.
(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)
Diese Teile der Gasnetz-Serie sind bisher erschienen:
Wie die Stadtwerke Werl Kanu 2.0 als Chance nutzen
Kanu 2.0: Warum eine abwartende Haltung riskant ist
Kanu 2.0 als Baustein für die Finanzierung der Wärmewende
Welche Handlungsspielräume Kanu 2.0 den Stadtwerken eröffnet
Stadtwerke Husum Netz: "Warum das Unbundling in diesem Fall kontraproduktiv ist"
ESM Selb-Marktredwitz: "Für die Gasnetz-Transformation brauchen wir kreative regionale Lösungen"



