Das Telesales-Geschäft der Stadtwerke Pforzheim will der neue Alleingeschäftsführer Herbert Marquard (64) genau unter die Lupe nehmen. "Das ist ein Vertriebskanal, den ich nicht präferiere. Das Unternehmen und die Prozesse waren wahrscheinlich nicht auf das Massengeschäft Telesales ausgelegt", sagte der erfahrene Energiemanager in einem Interview mit den "Badischen Neuesten Nachrichten". Das mehrheitlich kommunale Unternehmen hatte in der vergangenen Woche sein Führungsduo Roger Heidt und Thomas Engelhard abberufen, weil es den Aufsichtsrat erst Wochen nach dem internen Bekanntwerden von Millionenverlusten im bundesweiten Telefonvertrieb und einem daraus resultierenden Gewinneinbruch informiert haben soll. Dieser gesamte Komplex wird aktuell von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young untersucht.
Spekulationen über hohe Buchgewinne
Laut Marquards erster Einschätzung sind die Probleme der SWP vor allem "bilanzieller Natur", heißt es in einem weiteren Interview in der "Pforzheimer Zeitung". Das Unternehmen sei stabil und solide aufgestellt. Seit längerem wird offensichtlich in Pforzheim darüber spekuliert, dass das bisherige Führungsduo die Probleme im Stromvertrieb über den Verkauf des Biomasseblocks im Pforzheimer Heizkraftwerk an ein Tochterunternehmen ausgleichen wollte. Hier soll ein Buchgewinn von 18 Mio. Euro gewunken haben, der den prognostizierten Gewinn für das Geschäftsjahr 2018 in Höhe von 4,2 Mio. Euro deutlich in die Höhe geschraubt hätte.
Für 2019 rechnet Marquard mit einem Gewinn
Marquard äußert sich zu diesem Thema nicht, macht aber mit Blick auf die Ausschüttungserwartungen der Gesellschafter klar, dass "Ergebnisse, die durch Sondereinflüsse entstehen, lieber im Unternehmen belassen werden" sollten. "Wenn ich ein wunderschönes Ergebnis habe in der Bilanz, dann heißt das noch nicht, dass die Liquidität da ist, um es auszuschütten", so der gebürtige Nordrhein-Westfale, der viele Jahre lang für die Thüga AG tätig war. Für das laufende Geschäftsjahr strebe er auf jeden Fall einen Gewinn an. Ob dieser dann ausgeschüttet werde, müsse man mit den Gesellschaftern abstimmen. Neben der Stadt Pforzheim (65 Prozent) ist auch der Stadtwerkeverbund Thüga (35 Prozent) an den SWP beteiligt.
Grundsätzlich müsse das Unternehmen jetzt gemeinsam daran arbeiten, dass es draußen wieder positiv wahrgenommen werde. "Auch der Aufsichtsrat hat sich bisher nicht richtig eingebunden gefühlt. Das ist nicht mein Stil. Wir brauchen eine offene Kommunikation", so Marquard. Der neue Geschäftsführer, der die SWP übergangsweise bis Januar 2020 leiten wird, berichtet auch von einer Verunsicherung auf Seiten der Mitarbeiter. "Daran müssen wir ganz schnell arbeiten. Es darf künftig keinen Grund mehr geben, verunsichert zu sein", versichert er.
Fernwärme ertüchtigen
Konkrete operative Herausforderungen sieht er unter anderem in Sachen Heizkraftwerk und Wärmeversorgungskonzept. Dabei geht es um eine Ertüchtigung der Fernwärme und die Erreichung der Klimaziele in Pforzheim. Auch die von der früheren Geschäftsführung entwickelte Konzeption "SWP 2021" will Marquard auf den Prüfstand stellen, auf die Einbeziehung von Beratern will er dabei aber bewusst verzichten. "Dazu wollen wir keine Leute von außen holen, die uns erzählen, wie unsere Agenda auszusehen hat", stellt er klar. Mit seinen 46 Jahren Berufserfahrung und den SWP-Führungskräften, die über viel Erfahrung verfügten, könne man das in den meisten Fällen selber machen. (hoe)
