Herr Reuter, die Stadtwerke Konstanz schlossen die beiden vergangenen Geschäftsjahre mit Defiziten ab. 2021 waren es sogar minus 13,5 Mio. Euro. Läuft es dieses Jahr wieder besser?
Die beiden letzten Jahre wurden natürlich sehr von der Corona-Krise beeinflusst. Auch die ersten Monate dieses Jahres sahen wir noch pandemiebedingte Bremsspuren – sowohl im ÖPNV- als auch im Bäder- und dem eigentlich ertragreichen Schifffahrtsbereich. In der Folge erreichten wir hier bis Juni nur zwischen 70 und 80 Prozent der Umsätze, die wir in normalen Zeiten erwarten hätten können. Mit den Monaten Juli und August sind wir dagegen soweit sehr zufrieden, da haben wir bislang unsere selbst gesteckten Ziele sogar übertroffen. Aufatmen können wir aber trotzdem nicht.
Warum?
Dafür gibt es gerade im energiewirtschaftlichen Bereich zu viele Fragezeichen. Dort liegen wir derzeit zwar im Plan. Allerdings bestehen enorme Risiken, etwa was die Leistungsfähigkeit unserer Verbraucher betrifft, wenn die Energiepreise im Herbst steigen und dann auch noch die Gasumlagen wirksam werden.
Wenn trotzdem alles nach Plan läuft, mit wie viel Ergebnis rechnen Sie dann?
Wir haben weiterhin coronabedingte Rückgänge in den genannten Bereichen prognostiziert. In der Folge haben wir mit einem Ergebnis von minus sechs Millionen Euro geplant. Nicht berücksichtigt sind dort jedoch 3,5 Millionen Euro, die die Stadt uns als Ausgleich für rund 12,5 Mio. Euro Defizit für den Betrieb der Bäder und des öffentlichen Nahverkehrs zugesichert hat.
In der Gas-Grundversorgung haben Sie auf die stark gestiegenen Preise im Großhandel reagiert und berechnen von Oktober an 19 Cent pro kWh. Ziehen Sie damit auch Ihre Lehren aus dem vergangenen Geschäftsjahr, als Sie die Preise trotz eines bullishen Marktes nur leicht anhoben und in der Folge Drohverlustrückstellungen in Höhe von drei Mio. Euro bilden mussten?
Im Rückblick fällt es einem natürlich immer leichter, die Lage klar zu bewerten. Den Rückblick hat man aber immer erst zu spät. Wir hatten im August 2021 eine Präsentation für unseren Aufsichtsrat vorbereitet, als der Gaspreis 60 Prozent über dem Vorjahreswert lag. Wir haben damals von einem Allzeithoch gesprochen und auf Spekulationen rund um die Zulassung von Nord Stream 2 verwiesen.
Wie wir gingen viele in der Branche damals davon aus, dass sich die Lage entspannen und die Preise sinken würden, wenn die Pipeline in Betrieb gehen würde. Deshalb hatten wir uns bei Kalkulation der neuen Grundversorgungspreise für das Lieferjahr 2022 auch noch nicht vollständig eingedeckt.
Die Preise sanken im Herbst dann nicht, sondern stiegen weiter und zwar drastisch. Wie haben Sie in der Beschaffung reagiert?
Wir haben wöchentliche Risikokomitees einberufen, um die Marktlage zu analysieren. Zudem haben wir im Herbst 2021 unser Beschaffungshandbuch vollständig überarbeitet und zu Beginn dieses Jahres in Kraft gesetzt..
Das heißt?
Wir beschaffen jetzt Gas im Tranchenmodell, 20 Monate vor Liefertermin beginnend. Bei Verträgen mit Industrie- und Geschäftskunden haben wir die Spielräume deutlich reduziert. Bei Privatkunden haben wir Lieferspannen verkürzt und Bestandsverträge sukzessive angepasst.
Und wie war es vorher?
Es gab die Regel, dass vor Lieferbeginn vollständig beschafft werden muss, aber die Zeitpunkte waren nicht so rigide. Auch die Toleranzgrenze war großzügiger. Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: Wir reden von lediglich zehn Prozent unseres Gasbedarfs, der uns im vergangenen Jahr die Marge gekostet hat.
Wir wussten, dass das ein gewisses Risiko darstellt. Aber dass dies angesichts explodierender Großhandelspreise eine solche Dynamik entfalten würde, haben wir in der Vergangenheit noch nie erlebt. Im Gegenteil, wir konnten uns mit dieser Strategie viele Jahre erfolgreich im Markt behaupten.
Die Stadtwerke Konstanz haben ein Drittel ihrer Gasmenge gemeinsam mit anderen Kommunalversorgern in der Region über die Gashandelsgesellschaft GVO beschafft. Hat sich dieses Modell in der Krise bewährt?
Tatsächlich hat die GVO die Mengen nicht selbst beschafft. Das übernahm immer eines der Stadtwerke, das dann das Gas der GVO lieferte und berechnete. Die GVO wiederum verkaufte diese Menge zu einem vorher fest vereinbarten Anteil an die teilnehmenden Häuser. Bei uns machte das ein Drittel unserer Gesamtmenge aus. Der Vorteil dabei: Wir konnten so günstigere Preise erzielen. Wir haben dies aber nun ruhen lassen. Denn das derzeitige Marktumfeld hätte erfordert, dass wir unsere Risiken neu abbilden und zusätzliche Regeln vereinbaren hätten müssen. Da wäre der Aufwand größer gewesen als der Nutzen.
Was sind derzeit die größten Herausforderungen für Sie am Beschaffungsmarkt?
Nehmen wir zuerst den Bedarf. Da ist die Frage: Wie entwickelt sich denn der Verbrauch bei einer Verdopplung oder Verdreifachung der Preise? Suchen sich unsere Kunden andere Anbieter, was im Moment kaum möglich ist? Sparen sie Energie ein, wenn ja, in welcher Höhe? Überdecken wir uns als Unternehmen, weil wir glauben, dass die Preise weiter steigen? Oder kaufen wir wie bisher nach den Temperaturwerten des zehnjährigen Mittelsein? Was passiert, wenn es Temperaturschwankungen gibt und wir 50 oder 100 GWh nachbeschaffen müssen? Früher haben wir davon in den Zahlen praktisch nichts gesehen. Doch jetzt, bei diesen Preisschwankungen, kann das schon einmal einen Unterschied von drei bis vier Millionen Euro ausmachen.
Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?
Wir haben uns nun für das Folgejahr wieder mit Hilfe des zehnjährigen Temperaturmittels eingedeckt. Unser Portfolio ist zu. Doch ist das auch die richtige Strategie für die Jahre danach? Wir müssen davon ausgehen, dass die Preise wieder sinken werden. Doch wann genau? Und wie schnell kommen Grüne-Wiese-Anbieter zurück? Wir müssen damit rechnen, dass wir dann relativ rasch diejenigen Kunden wieder verlieren werden, die in Zeiten steigender Preise zu uns in die Grundversorgung geflüchtet sind. Darauf müssen wir uns vorbereiten.
Das Interview führte Andreas Baumer
Hinweis: Im zweiten Interviewteil erklärt der Konstanzer Stadtwerkechef Norbert Reuter, welche neuen Geschäftsfelder erwartete Einbußen im Gasvertrieb kompensieren sollen und wie die aktuelle Krise das Verhältnis zur Kommune neu justiert. Diesen Part finden Sie in der aktuellen Printausgabe auf Seite zwei oder direkt hier. Zum Abo geht's hier.



