Das Worst-Case-Szenario einer stillen Liquidation ist ausgeblieben. Der Vertrieb der Stadtwerke Aurich soll nun an Dritte verkauft werden. Der Stadtrat der ostfriesischen Kreisstadt hat am gestrigen Donnerstagabend (20. Februar) Stadtwerke-Geschäftsführerin Heike Witzel beauftragt, Verkaufsverhandlungen zu führen, teilte ein Sprecher des mehrheitlich kommunalen Unternehmens auf ZfK-Anfrage mit. Offenbar gibt es mehrere Interessenten, darunter sollen sich auch private Vertriebsgesellschaften aus der nordwestdeutschen Region befinden, aber auch branchenfremde Player. Stadtwerke sollen noch nicht darunter sein. In der Ratssitzung wurde mehrfach betont, dass der Grundversorger in Aurich, der Energiekonzern EWE, anders als vielfach in den Lokalmedien kolportiert, bisher kein Kaufangebot vorgelegt hat. Es ist aber davon auszugehen, dass auch er seinen Hut noch in den Ring werfen wird.
Abbau von Mitarbeitern wahrscheinlich
Aus dem Umfeld der Stadtwerke ist zu hören, dass man zuversichtlich sei, einen Käufer für den nach wie vor defizitären Vertrieb mit seinen über 4000 Abnahmestellen zu finden. Doch auch im Falle eines Verkaufs ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Mitarbeiter abgebaut werden. Aktuell hat das Unternehmen, an dem die Stadt Aurich 60 Prozent und der Windkraftanlagenhersteller Enercon 40 Prozent der Anteile halten, elf Beschäftigte. Das "hochmotivierte Team" wurde in der gestrigen Ratssitzung noch einmal von allen Fraktionen ausdrücklich gelobt für den Aufbau des Stadtwerks unter widrigen Bedingungen. Die Stadt Aurich ist hochverschuldet und leidet zusätzlich unter einem massiven Einbruch der Gewerbesteuereinnahmen. Enercon leidet unter der Strukturkrise in der Windkraftindustrie und will Tausende Arbeitsplätze abbauen.
Rolle im Konzessionsverfahren wird beibehalten
Ihre Rolle im laufenden Konzessionsvergabeverfahren wollen die Stadtwerke Aurich vorerst weiter aufrechterhalten. Es ist aber davon auszugehen, das sich das Unternehmen nach einem Verkauf des Vertriebs aus dem Verfahren zurückziehen wird. Der Lokalversorger hatte 2011 und 2017 den Zuschlag für Strom- und Gasnetzkonzession erhalten, beide Male setzte sich EWE erfolgreich gerichtlich dagegen zur Wehr. Die Gründung einer gemeinsamen Netzgesellschaft, an der EWE 51 Prozent der Anteile und die Stadtwerke die restlichen 49 Prozent übernehmen sollten, scheiterte im Herbst vergangenen Jahres.
Netze: EWE-Offerte läuft bis Ende Juni
EWE hat der Stadt Aurich angeboten, die Netze zu den im Vergabeverfahren angebotenen Konditionen zu betreiben. Diese Offerte gilt bis Ende Juni. Neu ausschreiben muss die Stadt das Verfahren allerdings nicht. Sie kann laut Stadtwerken das zweite Konzessionsverfahren zur Vergabe der Strom- und Gasnetze an den Punkt Verfahrensfehler zurücksetzen. Bleiben sowohl die Stadtwerke als auch EWE im Verfahren, muss die Stadt einen neuen Verfahrensbrief mit angepasster Bewertungsmatrix zur Verfügung stellen. Die Anbieter geben dann ein neues, angepasstes Angebot ab. Die Stadtwerke Aurich können aber nach eigenen Angaben aktuell den Netzbetrieb nicht realistisch gewährleisten, der Betriebsführungsvertrag mit BS Energy ist ausgelaufen. (hoe)
