Mole nahe Wilhelmshaven bei Sonnenaufgang.

Mole nahe Wilhelmshaven bei Sonnenaufgang.

Bild: © rphfoto/AdobeStock

Eigentlich hätte es schon am 21. Mai so weit sein sollen. Dann wurde es der 21. Juni. Und nun wurde auch diese Frist gerissen.

Weil aber die beihilferechtliche Bewilligung der EU-Kommission fehlte, verschob die Bundesnetzagentur am Freitag ganz offiziell und einmal mehr das Ablaufdatum für die Einreichung des Wasserstoffkernnetz-Antrags: diesmal auf den 22. Juli – und damit mitten in die parlamentarische Sommerpause.

Nur wenige Stunden später kam dann doch noch grünes Licht aus Brüssel. Die deutsche Beihilferegelung für die Errichtung des Netzes ist genehmigt. Damit könnten die Fernleitungsnetzbetreiber bereits in der neuen Woche ihren Antrag einreichen. Viele weitere Fragen aber bleiben offen.

Medien zunehmend pessimistisch

Das Hin und Her beim Kernnetz, das das perspektivisch klimaneutrale Molekül quer durch die Republik leiten soll, steht symptomatisch für den lahmenden Wasserstoff-Hochlauf in Deutschland. Schon vor einem Monat warnte das "Handelsblatt", dass das Land den Anschluss verlieren könnte. Vor wenigen Tagen kam auch der "Spiegel" zu dem Befund, dass das Projekt holpere. "Die Produktion kommt nicht in Fahrt. Und große Abnehmer zaudern."

Deutlich polemischer formulierten die "Deutschen Wirtschaftsnachrichten": "Habecks Wasserstoff-Strategie: dumm, dümmer, deutsche Energiewende", titelten sie. Und auch in der Branche mehren sich die kritischen Stimmen. "Insgesamt fehlt eine klare strategische Positionierung der Bundesregierung, mit deren Hilfe ein dringend notwendiger regulatorischer Rahmen für die Wasserstoff-Wirtschaft entstehen muss", klagte jüngst Dirk Schmidt, der das thüringische Wasserstoffprojekt "TH2 Eco Mobility" leitet. (Die ZfK berichtete.)

Kernnetz könnte kleiner ausfallen

Die Unwägbarkeiten beginnen bereits beim Wasserstoffkernnetz. Im Antragsentwurf der Fernleitungsnetzbetreiber wurde noch eine Leitungslänge von rund 9700 Kilometern vorgesehen. Die zu erwartenden Investitionskosten sollten sich demnach auf knapp 20 Milliarden Euro belaufen.

Aus Branchenkreisen war jedoch zuletzt zu hören, dass das Netz kleiner ausfallen könnte, auch weil manchen Investoren die finanziellen Risiken zu hoch sind. Nervös hatte sich im Vorfeld vor allem der Südwesten des Landes gezeigt.

Sorgen im Südwesten

"Die in der Regierungskoalition vereinbarten Änderungen sind nicht ausreichend, um den Bau des Wasserstoffkernnetzes sicherzustellen", hatte die baden-württembergische Energieministerin Thekla Walker im April kundgetan.

"Wir brauchen weitere Verbesserungen des Finanzierungsrahmens im Bund. Nur dann besteht die notwendige Investitionssicherheit für Unternehmen."

Frage der Verfügbarkeit

Das wohl größte Fragezeichen steht weiterhin hinter der Verfügbarkeit von Wasserstoff. Die Bundesregierung geht für das Jahr 2030 von einem Gesamtbedarf von bis zu 130 Terawattstunden (TWh) aus. Bis zu 70 Prozent davon sollen importiert werden.

Zwar ist Bundesminister Robert Habeck (Grüne) in den vergangenen Monaten zu potenziellen Wasserstofflieferanten wie Oman, Saudi-Arabien oder Algerien gereist. Eine bereits für 2023 angekündigte Importstrategie samt Nachhaltigkeitskriterien liegt aber weiterhin nicht vor.

Offene Preisfrage

Dabei ist mit der Verfügbarkeit ein Aspekt verknüpft, der für Abnehmer mindestens genauso wichtig ist: die Preisfrage. Hier gehen die Meinungen weit auseinander.

Während es aus der einen Ecke heißt, dass höchstens blauer Wasserstoff aus Norwegen mittelfristig wettbewerbsfähig sein könne, und wieder andere sogar eine milliardenschwere Subventionierung des Wasserstoffpreises vorschlagen, zeigte sich Gerald Linke vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) in einem ZfK-Interview deutlich optimistischer.

Optimistischer Verbandschef

"Grob kann man Folgendes sagen: Sonnenreiche Länder im Mittleren Osten gehen davon aus, dass sich ihre Produktionskosten zwischen einem und eineinhalb Euro pro Kilogramm Wasserstoff bewegen werden", sagte er.

"Dazu kommen die Transportkosten. Dann werden wir wohl bei etwa vier Euro pro Kilogramm auf dem deutschen Markt landen." Umgerechnet auf Verbraucherpreise käme man auf etwa zwölf Cent pro Kilowattstunde (kWh). In diesem Rahmen bewegen sich derzeit auch die Gaspreise.

Großprojekte in Warteschleife

Zu allem Überdruss hängen auch deutsche Großprojekte zur Wasserstoffproduktion fest. Im Februar jubelten EWE, RWE und Co. noch, als der Genehmigungsbescheid aus Brüssel kam. (Die ZfK berichtete.)

Seitdem prüft der Projektträger Jülich im Auftrag der Bundesregierung, ob die Fördergelder endgültig ausgeschüttet werden können. Inzwischen sind auch hier mehr als vier Monate verstrichen.

Kraftwerksstrategie in der Schwebe

Wie wichtig ein erfolgreicher Wasserstoffhochlauf nicht zuletzt für einen versorgungssicheren Strommarkt wäre, lässt sich abschließend auch in der Debatte um die Kraftwerksstrategie beobachten. Nach Regierungsplänen sollen die berühmten zehn Gigawatt an neuen Gaskraftwerken, die eine staatliche Förderung erhalten sollen, zwischen 2035 und 2040 auf Wasserstoff umgestellt werden.

In einem früheren Entwurf war die Umrüstung schon für deutlich früher vorgesehen. Nach der Änderung lockerte die Ampel-Koalition allerdings den Zeitplan für den Bau des Wasserstoffkernnetzes. Betreiber haben nun bis spätestens 2037 Zeit, also fünf Jahre mehr, um ihr Netz in Betrieb zu nehmen.

Große Wasserstoffabnehmer

Für Industrie und Netzbetreiber dürfte jedenfalls gleichermaßen interessant sein, wann genau die Kraftwerke zum großen Wasserstoffabnehmer werden. Auf Anfrage der Unionsfraktion erklärte die Bundesregierung im Frühjahr, sie gehe ab dem Umstiegsdatum von einem jährlichen Wasserstoffbedarf in Höhe von etwa 18 TWh aus.

Dieser Wert dürfte weiter steigen, wenn jene Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen hinzugerechnet werden, die jetzt noch auf Erdgasbasis laufen und künftig auf dezentraler Ebene sowohl Wärme- als auch Stromlastspitzen decken müssen.

KWK-Gesetz und Kapazitätsmarkt

Als Grundlage dürfte hier neben dem KWK-Gesetz künftig auch der geplante Kapazitätsmarkt eine wesentliche Rolle spielen. Doch auch hier gilt seit Februar: Von der Ampel nichts Neues. (aba)

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