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Beschaffung: Warum die Vollversorgung nicht grundlos ein Comeback feiert

Der Wunsch nach einer Energiebelieferung zu bezahlbaren und planbaren Preisen sei weiterhin groß, schreibt Engie-Experte Jörg Nauerth in einem Gastbeitrag. Einer Tatsache müssten Stadtwerke dabei aber ins Auge sehen.
05.01.2024

Für Stadtwerke sei es zukünftig weiter sinnvoll, neue Möglichkeiten zu suchen, um sich bestmöglich gegen unkalkulierbare Risiken abzusichern, schreibt Jörg Nauerth, Senior Originator bei Engie Energy Management Solutions.

Von:
Jörg Nauerth,
Senior Originator
Engie Energy Management Solutions


Auch nach den turbulenten letzten beiden Jahren bleibt die Beschaffung eines der dominierenden Themen für Stadtwerke. Die allgemeine Unsicherheit in der Energieversorgung und rasant steigende Preise haben die herkömmlichen Beschaffungsstrategien auf eine harte Probe gestellt.

Zwar haben sich die Preise für Strom und Gas mittlerweile wieder entspannt, aber die Energiemärkte sind und bleiben volatil.

Beschaffung bleibt Herausforderung

Mit dem Zuwachs witterungsabhängiger erneuerbarer Energien steigen auch die Unsicherheiten bei der Preisentwicklung. Die Beschaffung von Strom und Gas bleibt damit eine Herausforderung für Stadtwerke und andere kommunale Unternehmen.

Welche auf Versorgungssicherheit bedachten Beschaffungsstrategien bieten sich unter diesen Rahmenbedingungen an? Viele gestückelte kurzfristige Kaufentscheidungen auf dem Spotmarkt sind es schon einmal nicht. Sicherheit in puncto Versorgung und Kalkulation sieht anders aus.

Interesse an Vollversorgung steigt

Vielmehr sehen wir, dass der Wunsch nach einer Energiebelieferung zu bezahlbaren und planbaren Preisen weiterhin groß ist. In der Folge steigt wieder das Interesse an einer Beschaffungslösung, die schon fast in Vergessenheit geraten ist: die Vollversorgung.

Einer Tatsache müssen wir dabei ins Auge sehen: Unter den derzeitigen Marktbedingungen wird es eine klassische Vollversorgung, bei der der Vorlieferant alle Risiken übernimmt, in der ursprünglichen Form erst einmal nicht mehr geben.

Spotpreisindexierte Lieferverträge

Vollversorgungsverträge decken in Zukunft vielmehr Teilrisiken ab, die für den Energieversorger entweder schwer kalkulierbar sind oder nicht unmittelbar an Endkunden weitergereicht werden können.

Viele Energieversorger haben ihre Endkundenprodukte entsprechend angepasst. An den schwer kalkulierbaren kurz- und mittelfristigen Preisrisiken wurden die Endkunden in den letzten Monaten zunehmend mitbeteiligt, beispielsweise durch spotpreisindexierte Lieferverträge.

Beschaffungsmarkt ist flexibler geworden

Das Ausgleichsenergiepreisrisiko bleibt jedoch weiterhin beim Energieversorger. Genau hier kann eine modulare Vollversorgung ansetzen. Denn dieses Risiko kann der Vorversorger seinem Stadtwerk abnehmen.

Der Beschaffungsmarkt ist flexibler geworden. Vollversorgung und strukturierte Beschaffung lassen sich miteinander vereinbaren. Auch eine langfristige Preisabsicherung und die Integration grüner Energie über sogenannte Power Purchase Agreements aus Wind- und Photovoltaikanlagen mit entsprechenden Herkunftsnachweisen sind möglich.

Absicherung gegen unkalkulierbare Risiken

Für Stadtwerke ist es zukünftig weiter sinnvoll, neue Möglichkeiten zu suchen, um sich bestmöglich gegen unkalkulierbare Risiken abzusichern. Dabei zeigt sich, wie sicher und nützlich auch heute noch die Möglichkeiten der Vollversorgung sein können. Nicht grundlos feiert diese nun also ihr Comeback.

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