Sefe-Geschäftsführer Egbert Laege (rechts) mit Equinor-Chef Anders Opedal bei der Vertragsunterzeichnung in Berlin.

Sefe-Geschäftsführer Egbert Laege (rechts) mit Equinor-Chef Anders Opedal bei der Vertragsunterzeichnung in Berlin.

Bild: © Sefe

Deutschlands zweitgrößter Gasimporteur Sefe, früher Gazprom Germania, löst sich endgültig wieder aus seiner Abhängigkeit von schwankenden Kurzfristmärkten, in die er infolge des russischen Angriffskriegs geraten war.

Am Dienstag unterzeichnete die verstaatlichte Unternehmensgruppe mit dem norwegischen Energieriesen Equinor einen Gasliefervertrag über zehn Jahre. Beginn ist der 1. Januar 2024.

Orientierung an drei Leitmärkten

Die vereinbarten Mengen sind mit jährlich 111 Terawattstunden (TWh) gewaltig. Zum Vergleich: Nach eigenen Angaben liefert Sefe insgesamt pro Jahr mehr als 210 TWh an Kunden europaweit. Damit decken die Equinor-Lieferungen auf einen Schlag mehr als die Hälfte des gesamten Sefe-Portfolios ab.

Die Lieferung werde zu "marktüblichen Konditionen" erfolgen, hieß es. Die Preise sollen sich an den europäischen Leitmärkten Deutschlands, Großbritanniens und der Niederlande orientieren. Konkreten dürften die Handelsplätze THE, NBP und TTF gemeint sein.

Sefe wichtiger Stadtwerkelieferant

Schon zuvor hatte Sefe Langfristverträge mit Gasexporteuren aus den USA und dem Oman geschlossen. Dazu kommen weitere Verträge mit einer Laufzeit von zwei bis drei Jahren. Alles in allem decke die Unternehmensgruppe damit wieder prinzipiell das gesamte Portfolio mit mittel- und langfristigen Verträgen ab, sagte Sefe-Geschäftsführer Egbert Laege auf ZfK-Nachfrage.

Sefe mit seiner Kasseler Vertriebstochter Wingas gilt als einer der wichtigsten Gaslieferanten für die deutsche Industrie und Stadtwerke. Etwa 150 TWh jährlich liefert die Unternehmensgruppe nach eigenen Angaben an deutsche Kunden. Damit spielt Sefe in einer Liga mit den Konkurrenten Uniper und VNG.

Russische Langfristverträge hinfällig

In Nöte war die Unternehmensgruppe gekommen, als die damalige Muttergesellschaft Gazprom Export ihre deutsche Tochter Ende März 2022 in einer Nacht- und Nebelaktion an obskure russische Investoren verscherbeln wollte. Die Bundesregierung verhinderte dies und stellte das damalige Gazprom Germania unter die Kontrolle der Bundesnetzagentur.

Kurz darauf sanktionierte Russland die Unternehmensgruppe, woraufhin auch großvolumige russische Gaslieferverträge, die Grundlage des Gazprom-Germania-Geschäfts, hinfällig wurden.

Noch ein bestehender Gasvertrag mit Russland

Dessen ungeachtet läuft übrigens über eine asiatische Tochterfirma noch ein milliardenschwerer Flüssigerdgasliefervertrag mit Russland weiter, der bis in die 2040er Jahre Gültigkeit hat. Beliefert werden mit dem Gas am Ende Sefe-Kunden in Indien. Eine Aufhebung des Vertrags könnte Sefe Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe verursachen. Deshalb gibt es derzeit keine Pläne, den Kontrakt vorzeitig zu beenden.

Nach Einfrieren der für Europa gedachten Lieferverträge musste Gazprom Germania 2022 im großen Stil an den Gasbörsen einkaufen, um seine Kundenverträge zu erfüllen. Dadurch dürfte das Unternehmen im Energiekrisenjahr 2022 inmitten stark gestiegener Gasgroßhandelspreise einen Milliardenverlust angehäuft haben.

Verstaatlichung im November 2022

Als Krisenmanager holte die Bundesregierung Anfang April den erfahrenen Energiemanager Laege an Bord. Er wurde zum Generalbevollmächtigten und später zum Geschäftsführer der Unternehmensgruppe.

Auch der Firmenname änderte sich. Aus Gazprom Germania wurde Securing Energy for Europe, kurz Sefe. Im November 2022 wurde die Unternehmensgruppe schließlich verstaatlicht.

Verlängerungsoption um fünf Jahre

Der jetzt geschlossene Vertrag mit Equinor enthält eine Verlängerungsoption um weitere fünf Jahre. Ziehen die Partner die Option, verpflichtet sich Sefe dazu, bis 2039 weitere 319 TWh abzunehmen. Umgerechnet wären dies 64 TWh pro Jahr.

Tatsächlich ist schwer abzuschätzen, wie groß die Gasnachfrage in Deutschland nach 2034 noch sein wird. Viele Stadtwerke und Industrieunternehmen dürften derzeit angesichts eigener Dekarbonisierungsziele kaum bereit sein, schon jetzt größere Abnehmverpflichtungen für die Zeit danach einzugehen.

Auch blauer Wasserstoff Teil des Deals

Teil des Abkommens ist zudem eine nicht bindende Absichtserklärung, die vorsieht, dass Sefe von 2029 an bis ins Jahr 2060 CO2-armen oder blauen Wasserstoff von Equinor abnimmt. Die Abnahme blauen Wasserstoffs dürfte insbesondere für die Zeit nach 2045 ein heikles Thema für Deutschland werden. Die Bundesrepublik will dann bereits klimaneutral sein.

Laege versicherte jedoch, dass die Bundesregierung als alleiniger Sefe-Gesellschafter hinter dem Equinor-Deal stehe. Tatsächlich wohnte dem Pressetermin mit Philipp Steinberg ein Regierungsvertreter bei. Steinberg ist Abteilungsleiter für Wirtschaftsstabilisierung und Energiesicherheit im grün geführten Bundeswirtschaftsministerium. (aba)

Mehr zum Thema aus dem ZfK-Archiv:

Große Gashändler werben für Comeback von Langfristverträgen

"Kein Stadtwerk muss LNG mit Sorge vor zu langen Lieferzeiträumen betrachten"

Mitten im Orkan: Wie sich Deutschlands zweitgrößter Gasimporteur neu aufstellt

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper